Hinweise auf Wohnungslose per Telefon

Wintereinbruch als Gefahr für Obdachlose in Kassel: Notfalls Unterbringung im Hotel

Wohncontainer als Notschlafstelle
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Schutz vor Schnee und Kälte in der Notschlafstelle: Der Verein Soziale Hilfe hat sechs Wohncontainer in der Stadt aufgestellt.

Etwa 200 Menschen in Kassel sind wohnungslos. Für sie stellen Kälte und Schnee eine besondere Herausforderung dar.

Kassel – Wie sich der Kälteeinbruch und die Schneemassen auf Menschen ohne Wohnung auswirken, darüber sprachen wir mit Sozialarbeiter Stefan Jünemann, Leiter der Tagesaufenthaltsstelle Panama des Vereins Soziale Hilfe.

Der Wintereinbruch stellt für die Tagesaufenthaltsstelle Panama sicher auch eine Herausforderung dar.
Wir sind solche Winter einfach nicht mehr gewöhnt. Ich arbeite hier seit 30 Jahren. In den Anfängen hatten wir auch Winter mit so viel Schnee. Dass innerhalb so kurzer Zeit aber so viel Schnee fällt, ist nicht alltäglich. Ich habe vorhin auf dem Tisch im Garten 28 Zentimeter Schnee gemessen. Das ist schon ordentlich.
Was bedeutet das für die Arbeit von Panama?
Ich habe heute schon mehrere Anrufe von Menschen bekommen, die sich Sorgen um Wohnungslose machen. Nachher werde ich zum Beispiel bei einem Mann vorbeischauen, der derzeit in einer Haltestelle in Wehlheiden übernachtet. Es ist gut, dass die Leute uns anrufen, damit wir uns um diese Menschen kümmern können.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat mitgeteilt, dass in diesem Winter bereits 17 Menschen in Deutschland den Kältetod gestorben sind. Viele weitere Opfer werden jetzt befürchtet. Teilen Sie die Sorge?
Wir haben das Glück, dass in Kassel mit der Einrichtung der Notschlafstellen vor über 25 Jahren kein Mensch mehr auf der Straße erfrieren musste. In Kassel sind die Hilfseinrichtungen auch gut vernetzt. Wir haben ständig Kontakt mit der Heilsarmee, der Fachstelle Wohnen der Stadt, der Drogenhilfe und dem Diakonischen Werk.
Es muss also niemand bei diesen Minusgraden auf der Straße schlafen.
Wer sich bei uns meldet, für den werden wir zusammen mit dem Sozialamt eine Möglichkeit zur Übernachtung finden. Unsere Notschlafstellen sind zwar derzeit alle belegt, aber notfalls können wir die Menschen auch in Hotels unterbringen. Das ist ein Vorteil von Corona: Die Hotels sind nicht voll und manche Hoteliers sind froh, wenn sie ein Zimmer für Wohnungslose zur Verfügung stellen können. Notfalls öffnen wir auch unseren Wintergarten und den Kellergang von Panama und stellen dort Feldbetten auf. Das haben wir in einem Winter vor etwa 20 Jahren auch schon mal gemacht. Das ist allerdings derzeit wegen der Corona-Regeln nicht so einfach.
Gibt es Menschen, die bei der Kälte jetzt noch draußen schlafen?
Ein Mann hat mir heute erzählt, dass er sich am Morgen erst mal freischaufeln musste, nachdem er unter einer Überdachung draußen geschlafen hatte. Dieser Mann ist allerdings gut organisiert, hat Schlafsack und immer Decken dabei, mit denen er auch anderen aushilft. Ein Teil der Wohnungslosen ist wirklich gut organisiert. Diejenigen, die das nicht sind, machen uns Sorge. Die denken oft nicht darüber nach, wo und wie sie die nächste Nacht verbringen können.
Es soll ja die nächsten 14 Tage so kalt bleiben. Werden Sie die Tagesaufenthaltsstätte dann auch nachmittags und in den Abendstunden öffnen?
Das müssen wir mal abwarten. In der Regel wird unser Angebot nur bis mittags angenommen. Wir bieten ja Frühstück und Mittagessen an. Zudem können die Menschen bei uns duschen und ihre Wäsche waschen. Die meisten haben einen festen Tagesablauf und gehen um 13 Uhr. Wegen Corona können wir derzeit auch nur 14 Menschen gleichzeitig zu uns lassen. Unsere Klienten achten sehr auf die Einhaltung der Coronaregeln.
Hat sich schon jemand von den Besuchern infiziert?
Wir hatten noch keinen Fall. Das liegt vermutlich auch daran, dass viele unserer Gäste allein unterwegs sind und oft draußen sind. Viele von ihnen sind sehr bedacht und fragen regelmäßig nach Masken, weil sie gesundheitliche Einschränkungen haben und zur Risikogruppe gehören.
Bei diesem Wetter gibt es ja auch nichts zu schnorren.
Das ist durch Corona schon schwieriger geworden. Mit dem Schnee bringt das Schnorren jetzt gar nichts mehr. Erstens kann man sich nicht mehr irgendwo hinsetzen und zweitens sind ja auch keine Leute mehr in der Innenstadt unterwegs, die einem etwas geben würden.

Hinweise auf Wohnungslose in der Kälte nimmt Panama unter der Telefonnummer 05 61/7073830 entgegen. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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