Wer in rente geht, soll nicht ersetzt werden

Wintershall baut in Kassel insgesamt 70 Stellen ab

Kassel. Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall will bis Ende 2020 insgesamt 70 seiner derzeit 655 Stellen abbauen.

Aktualisiert um 17.39 Uhr - Arbeitsabläufe werden auf Effizienz abgeklopft, Prozesse unter die Lupe genommen, teure Projekte, die keinen Vorrang haben, verschoben: Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall ist auf Sparkurs eingeschwenkt. Damit senkte die BASF-Tochter nach eigenen Angaben bereits 2016 die Kosten um 200 Millionen Euro. Doch am Stellenabbau in Deutschland kommt sie nicht vorbei. 

Bis Ende 2020 sollen in Kassel 70 von 655 Stellen gestrichen werden und an den deutschen Förderstätten 130 von 550 Arbeitsplätze wegfallen. Allerdings sei die Belegschaft dort seit 2010 um gut ein Drittel gestiegen, erklärt Wintershall. Es geht um die Belegschaften in Emlichheim und Barnstorf in Niedersachsen sowie in Landau in der Pfalz und in Aitingen in Bayern. 

Programm für Ältere 

Betriebsbedingte Kündigungen will Wintershall möglichst vermeiden, auch in Sachen Ausbildung ändert sich nichts. In erster Linie sollen Mitarbeiter, die in Rente gehen, nicht ersetzt werden. Zudem haben das Unternehmen und der Gesamtbetriebsrat ein Programm für über 60-Jährige aufgelegt, das den Ausstieg aus dem Berufsleben mit spätestens 63 Jahren ermöglichen soll. 

Das Angebot sei vor allem für langjährige Mitarbeiter attraktiv, sagt ein Wintershall-Sprecher. Details und Kosten des Programms wurden nicht genannt. „Für uns Betriebsräte ist wichtig, dass dieser Prozess sozialverträglich umgesetzt wird. Deshalb haben wir für den Wintershall-Weg entsprechende Regelungen erarbeitet“, sagt die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Birgit Böl. 

In den Aktivitäten in Deutschland und den Niederlanden hat das Unternehmen seine Wurzeln. Doch heute kommen die großen Mengen und das künftige Wachstum nicht mehr aus den Traditionsregionen. Im Geschäft spielen Russland, Norwegen und Südamerika die wichtigsten Rollen. „Wenn sich die Bedeutung einer Region verändert, dann müssen wir auch die Mannschaft vor Ort anpassen“, sagt der Wintershall-Vorstandsvorsitzende Mario Mehren. „Profitabilität ist Voraussetzung für unser Geschäft.“ 

Die heimische Öl- und Gasproduktion ist recht stabil: 2016 belief sie sich auf zehn Millionen Barrel Öläquivalent, 2010 lag die Förderung bei zwölf Millionen Barrel zu je 159 Liter. Ein Öläquivalent ist eine Maßeinheit für die Energiemenge, die beim Verbrennen von einem Kilogramm Erdöl freigesetzt wird. Aber die deutschen Reserven sind seitdem um ein Drittel geschrumpft – und sie herauszuholen ist angesichts des niedrigen Öl- und Gaspreises derzeit nicht sehr attraktiv. 

Zudem steigen mit den geringeren Mengen die Kosten pro gefördertem Barrel. Die heimischen Quellen sind deshalb kein großer Gewinnbringer. Rechnet man ins Ergebnis nur die Erträge und Aufwendungen ein, die direkt mit der Öl-, Gas- und Kondensatproduktion zusammenhängen, trug die deutsche Förderung nach Zahlen des Mutterkonzerns BASF 2016 nur acht Millionen zum operativen Ergebnis von 173 Millionen Euro bei.

Hintergrund: Größter deutscher Erdöl- und Erdgasproduzent

Die Wintershall Holding GmbH ist der größte deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent und eine 100-prozentige Tochter des Chemiekonzerns BASF. Neben dem Heimatmarkt Deutschland ist das Unternehmen in Europa, Nordafrika, Südamerika sowie Russland und zunehmend im Mittleren Osten tätig. Weltweit arbeiten rund 2000 Menschen bei Wintershall. Im Geschäftsjahr 2016 entsprach die Produktion einer Menge von 165 Millionen Barrel Öl. Ein Barrel sind 159 Liter. Wintershall setzte im vergangenen Jahr 2,8 Milliarden Euro um. Der Gewinn nach Steuern betrug 362 Mio. Euro. Wintershall gehört zu den Finanzierern der Ostsee-Leitung Nord Stream II, über die der russische Gazprom-Konzern Erdgas von Russland nach Deutschland transportieren will. (niz)

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