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Streit um Kulturzelt: „Ein Kultur-Washing darf es auch in Kassel nicht geben“

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Von: Matthias Lohr

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Wird von Wintershall Dea gesponsert: Das Kasseler Kulturzelt eröffnet in diesem Sommer am 25. Juni. Bis zum 28. August treten hier Stars wie Bosse, Ron Carter und Danger Dan auf. (Archiv)
Wird von Wintershall Dea gesponsert: Das Kasseler Kulturzelt eröffnet in diesem Sommer am 25. Juni. Bis zum 28. August treten hier Stars wie Bosse, Ron Carter und Danger Dan auf. (Archiv) © Pia Malmus

Wintershall Dea ist einer der wichtigsten Sponsoren des Kasseler Kulturzelts. Nun fordern Alt-Grüne ein Ende der Partnerschaft - wegen des Ukraine-Kriegs.

Kassel – Iring von Buttlar (69) wird diesen Sommer vermutlich erstmals seit Jahren nicht das Kulturzelt Kassel besuchen. Grund dafür ist der Ukraine-Konflikt. Der langjährige Grünen-Kommunalpolitiker ist sonst stets Stammgast beim Festival an der Drahtbrücke. Bislang hat er sich aber noch keine Konzertkarte gekauft. Grund ist der Sponsor Wintershall Dea, der für von Buttlar wegen dessen Öl- und Gasgeschäften in Russland in Verruf geraten ist.

Deswegen hat der Ur-Grüne mit anderen langjährigen Parteimitgliedern einen Offenen Brief an Oberbürgermeister Christian Geselle geschrieben. In dem fordern die Autoren, dass die Stadt die Spende von Wintershall Dea durch einen Zuschuss als „überplanmäßige Ausgabe“ ersetzt. Es geht um mindestens 80 000 Euro. So hoch soll die Unterstützung des Öl- und Gasproduzenten sein, die weder vom Konzern noch vom Veranstalter Zeltkultur bestätigt wird.

Vorbild für ihre Forderung, schreiben von Buttlar, Jürgen Blutte, Sabine Giesa, Uwe Josuttis, Marianne Knipping und Reinhold Weist, seien die Fußballer von Schalke 04, die sich von ihrem Trikotsponsor, dem russischen Staatskonzern Gazprom, getrennt hatten. „Ein Kultur-Washing darf es auch in Kassel nicht geben“, heißt es in dem Offenen Brief, der am Freitag auch an einige Fraktionen verschickt wurde.

Kassel: Wäscht sich Kulturzelt-Sponsor Wintershall Dea durch Förderung weiß?

Von Buttlar kritisiert, dass sich Wintershall Dea durch die Kulturförderung weißwasche. Er spricht auch von einer symbolischen Blutwurst, die es beim Buffet auf der traditionell vom Unternehmen organisierten Eröffnung gebe – in Anspielung auf die Opfer des russischen Angriffskriegs. Der Saison-Auftakt wird am 25. Juni jedoch erstmals von der Demokratie-Initiative „Offen für Vielfalt“ getragen, zu der neben Wintershall Dea auch andere Firmen gehören.

Nicht nur der Adressat des Offenen Briefs reagiert mit Unverständnis auf die Forderung. Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) hält es „für vollkommen falsch, Wintershall Dea öffentlich an den Pranger zu stellen“, wie er auf Anfrage erklärt: „Für mich besteht auch keinerlei Notwendigkeit, eine solche Debatte überhaupt zu führen.“ Die Veranstalter hätten seine volle Rückendeckung und entschieden selbst über ihre Sponsoren.

Die Stadt steuert 70 000 Euro des Etats bei. Wie hoch der ist, verrät man bei Zeltkultur nicht. Dafür macht Organisator Jürgen Truß unmissverständlich klar, dass er die Forderung unpassend findet: „Den lokalen Gas- und Ölproduzenten, der uns seit über 30 Jahren ein guter Nachbar ist, auszuschließen oder gar mit dem Aggressor und seinen Firmen gleichzusetzen und uns von ihm abzuwenden, soll die richtige Antwort sein?“

Wintershall Dea äußert sich nach Kritik aus Kassel

Bei Wintershall Dea stört man sich an noch etwas anderem. Im Offenen Brief wird behauptet, der Konzern arbeite sehr eng mit sanktionierten russischen Unternehmen zusammen. „Diese Behauptung ist falsch“, sagt Sprecher Michael Sasse: „Wintershall Dea hält sich strikt und ausdrücklich an alle Sanktionen und unterstützt diese.“

Unterstützung erhält Wintershall Dea auch von den früheren Organisatoren Lutz Engelhardt und Angelika Umbach, die das Kulturzelt zum Publikumsrenner gemacht haben. Den Konzern haben die beiden „durchgängig als zuverlässigen Kooperationspartner erlebt, der das Kulturzelt nie instrumentalisiert und an keiner Stelle Einfluss auf das Programm genommen hat. Dazu stehen wir, genau wie die Wintershall in guten wie in schlechten Zeiten zu uns gestanden hat.“

Wintershall Dea wird also weiter Kulturzelt-Sponsor bleiben. Dafür könnten die Autoren des Offenen Briefs mit einer weiteren Forderung erfolgreich sein. Von Buttlar und Co. wünschen sich, dass die Haltestelle Wintershall umbenannt wird. Einst trug sie den Namen Tannenkuppe. Eine mögliche Umbenennung ist demnächst tatsächlich Thema im Ortsbeirat Vorderer Westen. (Matthias Lohr)

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