Christian Geselle fordert Diskussion über Inzidenz

Kassels Oberbürgermeister: Wir brauchen einen neuen Parameter für Corona

Christian Geselle
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Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle

Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle stellt die Sieben-Tage-Inzidenz als alleinigen Parameter für Corona-Regeln infrage. Und er fordert eine Diskussion über Großveranstaltungen.

Kassel – Es hat mittlerweile Tradition, dass sich der amtierende Oberbürgermeister im Sommerinterview äußert. In diesem Jahr beherrscht Corona weiter das Geschehen. Christian Geselle (SPD) spricht über den Umgang mit der Pandemie, die Aussichten für Großveranstaltungen wie den Weihnachtsmarkt und die documenta 2022.

Vor einem Jahr sagten Sie uns, dass auch Sie sich wieder mehr Normalität wünschen, man aber in der Pandemie noch lange nicht über den Berg sei. Nun sind mehr als die Hälfte der Deutschen doppelt geimpft. Nähern wir uns einer Normalität?
Die vergangenen Wochen haben uns wieder eine gewisse Normalität erleben lassen. Derzeit läuft es sehr geregelt, auch wenn die Zahlen gerade wieder steigen. Meiner Ansicht nach muss man fragen, ob der Inzidenzwert noch der richtige beziehungsweise alleinige Parameter ist, um Maßnahmen festzulegen. Die Freiheitsbeschränkungen haben wir vorgenommen, um vor allem unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Wir brauchten in den Krankenhäusern genügend Kapazitäten für schwere Verläufe. Wenn ich doppelt geimpft bin, kann ich an Covid erkranken, die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs ist jedoch gering. Darum muss man jetzt umdenken. Wir können uns es nicht noch einmal leisten, das gesamte öffentliche Leben lahmzulegen.
Anders als in Baden-Württemberg soll die Sieben-Tage-Inzidenz in Hessen das Maß aller Dinge bleiben. Im Landtag hat die SPD das kritisiert.
Auch ich halte es für nicht angebracht, alles allein auf die Inzidenz auszurichten. Man muss schauen, wie schwer die Verläufe sind – die sogenannte Hospitalisierungsrate – und welche Kapazitäten in den Krankenhäusern vorhanden sind. Wir brauchen vor diesem Hintergrund einen neuen Parameter, der verständlich und nachvollziehbar ist. Das werden wir weiter diskutieren müssen. Denn wie soll es jemals eine Rückkehr zur Normalität, zu unserem normalen Leben geben, wenn es bei jedem Anstieg der Inzidenz wieder Einschränkungen gibt? Mit Masken werden wir ohnehin noch lange leben müssen.
Eine ähnliche Diskussion gibt es in Fußballstadien. Der 1. FC Köln lässt nur Geimpfte und Genesene zu Heimspielen. Ist das für Sie nachvollziehbar?
Ja, so gibt es ein Stück weit mehr Sicherheit. Auch bei den großen heimischen Sportvereinen KSV Hessen, Huskies und MT Melsungen wird diskutiert, ob man von 3G auf 2G wechseln sollte. Indem man Geimpften mehr Freiheiten gewährt, erhöht man auch die Motivation, sich impfen zu lassen.
Glauben Sie, dass es dieses Jahr wieder einen Weihnachtsmarkt geben kann?
Ich bin verhalten zuversichtlich, aber eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. Was ich während der Pandemie gelernt habe: Man lernt ständig dazu. Man darf nie etwas ausschließen. Die Lage ist sehr volatil. Deswegen freut es mich aktuell, dass die Menschen in den vergangenen Wochen den Stadtsommer auf dem Friedrichsplatz oder auch die Konzertreihe auf der Hessenkulturbahn genießen konnten, wir haben das richtige Zeitfenster dafür gewählt.
In Kassel sind etwa so viele Menschen doppelt geimpft wie im Bundesschnitt. Welche Steigerung ist da noch möglich?
Vor einem Jahr sind wir davon ausgegangen, dass wir mehr Menschen in einer kürzeren Zeit impfen können. Aber anfangs fehlte der Impfstoff. Und nun haben leider noch zu viele Menschen Bedenken. Darum waren unsere Bemühungen, die Impfbereitschaft in der Kasseler Bevölkerung zu erhöhen, richtig. Mit mobilen Teams haben wir zu besonderen Impftagen aufgerufen und sind in Stadtteile gegangen, in denen die Impfbereitschaft nicht so ausgeprägt war. Wir müssen weiter offensiv Aufklärung betreiben und niedrigschwellige Angebote machen – auch wenn es am Ende jeder selbst entscheiden muss, ob er sich und damit auch andere schützen will.
Warum war Kassel im Vergleich zu anderen Kommunen so zögerlich bei mobilen Impfungen in Stadtteilen?
Ich war von Anfang an dafür, dass wir wie in Köln und Mannheim in Stadtteile gehen. In der Verwaltung habe ich intensiv dafür geworben. Der Erfolg hat uns recht gegeben. Natürlich hätte man es noch früher machen können, aber es ist gut, dass wir es überhaupt gemacht haben.
Ihre Gesundheitsdezernentin Ulrike Gote war anfangs dagegen. Sie hat es auch vermieden, von Brennpunkten zu reden.
Die gibt es aber. Nicht nur in Kassel, sondern auch in anderen Städten. Das ist keine Diskriminierung oder Stigmatisierung von Menschen, sondern empirisch erwiesen. Hier muss ich die Menschen besonders motivieren – auch in deren Sprachen. Es geht jedoch nicht nur um sprachlich-kulturelle Barrieren. Und es ist nicht nur ein Migrationsthema. Viele Menschen sind noch nicht ausreichend informiert und aufgeklärt. Das wird weiter unsere Aufgabe bleiben – etwa mit Impfteams in Einkaufszentren wie dem City-Point und mit mobilen Angeboten.
Bundesweit hat Kassel durch die große „Querdenker“-Demonstration am 20. März Schlagzeilen gemacht. Zwei weitere Groß-Demos wurden mit einem massiven Polizei-Aufgebot verhindert. War dieses Vorgehen alternativlos?
Ich hätte mir gewünscht, dass das von uns ausgesprochene Verbot schon gegen die Demo am 20. März gehalten hätte. Damals war es jedoch schwierig, den Gerichten die Gefahren zu belegen. Es geht ja keine Gefahr von den „Querdenkern“ aus, weil sie ihr Versammlungsrecht wahrnehmen wollen. Jeder darf die Bundesregierung oder den Oberbürgermeister wegen der Corona-Politik kritisieren. Es entsteht eine Gefahr dadurch, wie die „Querdenker“ ihr Recht ausüben. Sie halten sich nicht an Auflagen wie Abstand halten und Masken tragen. Dadurch geht eine Gefährdung von Leib und Leben für sie und andere aus. Das konnten wir vor dem 20. März nur erahnen. Aus den Erfahrungen vom 20. März konnten wir dann vor dem 19. Juni und 24. Juli belegen, dass die Gefährdung real ist. An beiden Tagen haben wir alles richtiggemacht: Wir haben die Bevölkerung geschützt. Das Polizeiaufgebot dafür war angemessen.
Erwarten Sie weitere Großversammlungen in Kassel?
Es kann sein, dass weitere Demonstrationen angemeldet werden. Viele, die am 20. März mitgelaufen sind, sind derzeit aber offenbar nur noch schwer zu mobilisieren, wie die Geschehnisse vom 19. Juni und 24. Juli belegen. Der harte Kern wird jedoch bleiben. Mit dem Thema werden wir uns gesellschaftspolitisch weiter auseinandersetzen müssen.
Trotz der Pandemie hat sich die Finanzlage der Stadt verbessert. Liegt das nur am Kämmerer?
Ja, klar (lacht). Wenn es gut läuft, liegt es immer am Kämmerer. Wenn es schlecht läuft, liegt es an den sinkenden Gewerbesteuereinnahmen. Nein, im Ernst: Wirtschaftlich sind wir bislang ganz gut durch die Pandemie gekommen. Da geht es uns im Vergleich zu anderen Städten gut. Das liegt auch an unserer Wirtschaftsstruktur. Städte, in denen es einen großen Dienstleistungssektor, wie beispielsweise Messeveranstaltungen, und weniger produzierendes Gewerbe wie in Kassel gibt, leiden stärker unter der Pandemie. Trotzdem wurden natürlich auch bei uns etwa Gastronomen und Kulturveranstalter hart getroffen. Die Novemberhilfen waren für viele attraktiv, haben aber nicht alle bekommen. Darum bin ich stolz, dass es unser „Kopf hoch, Kassel!“-Programm gegeben hat, was wir uns nur leisten konnten, weil wir in den letzten Jahren so gut gewirtschaftet haben. Als kommunales Programm hat das bundesweit seinesgleichen gesucht.
Nächsten Sommer findet die documenta statt. Wie und wo muss sich Kassel noch hübsch machen für die Besucher?
Kassel muss sich für die documenta nicht extra hübsch machen. Wie bei vorangegangenen Ausstellungen ist es auch das Ziel der künstlerischen Leiter von Ruangrupa, in einer nicht fertigen, sich entwickelnden Stadt die eine oder andere Ecke zu entdecken, die man dann voranbringen kann. Das sieht man auch an den documenta-Standorten, die Ruangrupa vor allem im Kasseler Osten ausgewählt hat. Und es gibt weitere Stadtteile mit Potenzial: So arbeiten wir auch daran, die Nordstadt weiterzuentwickeln.

Rathaus will bald im auch im Kaufhof sein

Im HNA-Sommerinterview äußerte sich Oberbürgermeister Christian Geselle auch über die Entwicklung der Innenstadt. Er antwortete auf die Frage, ob ihm manchmal bange werde, wenn er in die Königsstraße schaue, wo es dem Einzelhandel nicht gut gehe:

„Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich zum Beispiel den Kaufhof, der von der Schließung bedroht war. Seit zwei Jahren sind wir in intensiven Gesprächen mit dem Unternehmen, damit das Kaufhaus nicht nur in Kassel bleibt, sondern in den Standort investiert, hier ein Pilot mit bundesweiter Strahlkraft entstehen wird. Dazu wird es im Herbst Neues geben.

Klar ist jetzt schon: Stadtverwaltung und Stadtkonzern werden mit von der Partie sein und ein Portfolio an Dienstleistungen bürgernah anbieten. Wir kommen dorthin, wo die Bürger schon sind.

Sehen Sie: Das Rathaus wurde 1909 mit einer großen Treppe erbaut. Der Bürger muss erst einmal dort hoch, wenn er ,von denen da oben’ etwas will. Dieses Unterordnungsverhältnis war damals so gewollt – heute finden wir Wege, nah am Bürger zu sein. Wir verstehen uns schließlich als Dienstleistungsunternehmen, das Daseinsvorsorge für seine Bürger betreibt.

Aber auch darüber hinaus ist die Belebung und Entwicklung unserer Innenstadt natürlich eine wichtige Aufgabe und auch mir ein großes Anliegen. Da ist auch Kreativität gefragt, vor der ich mich nicht scheue.“

(Matthias Lohr und Florian Hagemann)

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