Boom der Sicherheitsbranche

Kasseler Protex-Chef: „Wir erfahren Akzeptanz und Dankbarkeit“

Er ist auf der Suche nach neuen Mitarbeitern: Ernesto Plantera, Geschäftsführer von Protex, hat deshalb in der Kasseler Innenstadt Plakate angebracht.
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Er ist auf der Suche nach neuen Mitarbeitern: Ernesto Plantera, Geschäftsführer von Protex, hat deshalb in der Kasseler Innenstadt Plakate angebracht.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie werden Sicherheitsdienste überall benötigt. Zunächst im Handel und in Gemeinschaftsunterkünften, anschließend in Bussen und Bahnen, dann in den Impfzentren.

Kassel - Aktuell unterstützen Security-Mitarbeiter vor allem bei Corona-Kontrollen und an Impfstellen. Wir sprachen mit Ernesto Plantera, Geschäftsführer der Kasseler Sicherheitsfirma Protex, über den Boom der Branche und darüber, wie Corona sich auf das Verhalten der Menschen auswirkt.

In der Kasseler Innenstadt hängen überall Plakate, auf denen Sie nach Mitarbeitern suchen. Haben Sie jemals mehr Kräfte benötigt als jetzt?

Ja, vor einem Jahr um diese Zeit. Da haben wir geholfen, die Impfzentren in der Stadt und im Landkreis Kassel und in Eschwege aufzubauen. Anschließend wurden unsere Mitarbeiter, deren Zahl sich von 300 auf 600 verdoppelt hat, in den Impfzentren als Servicekräfte eingesetzt. Vor der Pandemie lag der Anteil der Sicherheitskräfte bei 75 Prozent, der Anteil der Servicekräfte, die lenken, leiten und lotsen, bei 25 Prozent. Dieses Verhältnis hat sich verändert. Jetzt liegt es bei 50:50.

Aber Sie suchen doch weiterhin nach Personal?

Nachdem die Impfzentren im September geschlossen hatten, haben uns einige Mitarbeiter, die den Job nur als Überbrückung hatten, verlassen. Aktuell haben wir 450 Mitarbeiter. Aber auch unabhängig vom Weihnachtsmarkt haben wir weitere Aufträge im neuen Jahr hinzubekommen, wie zum Beispiel 3G-Zutrittskontrollen in Unternehmen.

Welche Eigenschaften müssen Ihre Mitarbeiter mitbringen?

Sie müssen Empathie zeigen, kommunikativ, nett, freundlich und hilfsbereit sein. Wenn es erforderlich ist, müssen sie aber auch bestimmt und konsequent auftreten. Wer bei uns arbeitet, sollte selbstsicher sein.

Ihre Mitarbeiter kontrollieren zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt, ob die Besucher geimpft oder genesen sind, wenn diese in die 2G-Bereiche wollen. Welche Erfahrungen haben sie bislang gemacht?

Eigentlich nur gute. Die Menschen sind froh, dass wir unsere Arbeit machen. Wir erfahren eine hohe Akzeptanz, Anerkennung und Dankbarkeit.

Gab es noch keine Beschimpfungen bei einer Kontrolle?

In Einzelfällen ist das natürlich schon passiert. Da gab es so Sprüche wie „scheiß 3G“ oder „scheiß Politik“.

Wie sieht die Bezahlung in der Sicherheitsbranche aus?

Wir zahlen den Servicekräften auf dem Weihnachtsmarkt zum Beispiel zwölf Euro. Das liegt über dem Tarif. Der Tariflohn in der Sicherheitsbranche ist aber wirklich mies, er liegt zwischen 10,95 Euro und 15,79 Euro brutto.

Sie als Chef könnten ja mehr zahlen, oder?

Das machen wir. Abgesehen von übertariflicher Bezahlung bekommen auch alle Mitarbeiter in diesem Dezember einen Bonus. Alle Beschäftigten, die länger als ein Jahr bei uns sind, bekommen einen 40 Prozent höheren Jahresbonus als noch im vergangenen Jahr. Wir haben darüber hinaus in diesem Monat für einen Großteil von Mitarbeitern Zusatzkrankenversicherungen abgeschlossen.

Sie haben kürzlich bei Facebook davor gewarnt, dass eine Ausgrenzung von ungeimpften Menschen nicht passieren darf.

Das stimmt. Es ist zum Beispiel vor einem Kasseler Einkaufszentrum, wo geimpft und getestet wird, zu einem Zwischenfall gekommen: Eine Frau, die sich zum Testen angestellt hatte, ist von einer anderen Frau beleidigt worden. Dabei kann doch keiner wissen, warum sie sich hat testen lassen. Vielleicht darf sie sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen oder benötigte einen Test für eine 2G-plus-Veranstaltung. Ich habe Angst, dass sich die Gesellschaft durch das Gegeneinander von Geimpften und Ungeimpften spaltet.

Sie sind selbst geimpft. Wie gehen Sie mit Impfgegnern um?

In meinem Freundeskreis befinden sich auch Querdenker. Ich versuche, mit ihnen darüber zu reden. Einige empfinden die Impfung als Verarschung der Bevölkerung durch die Politik. Sie sehen zu viele Widersprüche und behaupten, dass die Zahlen nicht stimmen. Viele behaupten auch, dass sie niemanden kennen, der an Corona erkrankt oder etwa gestorben ist.

Was entgegnen Sie diesen Freunden?

Denen kann ich jetzt leider eine schlimme Geschichte aus meiner eigenen Familie erzählen. Ich habe gerade erst erfahren, dass ein Großcousin von mir, seine Frau und ihr ältester Sohn an Corona gestorben sind. Ich hatte lange keinen Kontakt zu meinem Großcousin und weiß auch nicht, ob er und seine Familie geimpft gewesen sind. Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Fest steht, dass fünf weitere Kinder meines Großcousins jetzt keine Eltern mehr und ihren älteren Bruder verloren haben. Dieses Schicksal zeigt einfach, wie gefährlich Corona ist und dass wir gemeinsam dagegen vorgehen müssen. Es kann nicht sein, dass Geimpfte gegen Ungeimpfte vorgehen und umgekehrt.

Wie sehen Ihre Mitarbeiter die Impfung?

Da gibt es auch einige, die ungeimpft sind, weil sie sich noch nicht sicher über den Impfstoff sind. Aber bei uns gilt ja die 3G-Regel. Wer nicht geimpft ist, muss sich jeden Tag testen lassen. Aber ich hatte auch schon einen Fall, dass ein geimpfter Mitarbeiter einen positiven Test hatte und dann in Quarantäne musste.

Zur Person

Ernesto Plantera (48) , dessen Eltern aus Sizilien stammen, wurde in Kassel geboren. Er machte zunächst eine Ausbildung im Einzelhandel und jobbte nebenbei im Sicherheitsdienst. Im Alter von 25 Jahren begann er als Teilzeitkraft bei Protex, das damals noch ein reines Detektivunternehmen war. Im Laufe der Jahre baute Plantera dort den Sicherheitsbereich auf. Mittlerweile ist er Teilhaber und Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Protex. Plantera war erfolgreich im Boxen, er holte zahlreiche nationale und internationale Titel im Boxen und Kickboxen. Er war im Jahr 1998 Mitgründer des Kasseler Kampfsport-Vereins fight-for-fun. Plantera hat vier Kinder und zwei Enkel. Er ist verheiratet. Mit seiner Frau Maria Cancela Perez lebt er in Ahnatal. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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