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Kasseler Professorin: „Wir fungieren in der Krise wieder als Feuerwehr“

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Von: Katja Rudolph

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Qualifizierte Lehrkräfte fehlen: Ein Deutschkurs für ausländische Schüler in Trier. ARCHIV
Qualifizierte Lehrkräfte fehlen: Ein Deutschkurs für ausländische Schüler in Trier. ARCHIV © red

Kassel – Das Thema fluchtbedingte Migration zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrestagung des Fachverbands „Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ (DaF/DaZ), die von 1. bis 3. September an der Universität Kassel stattfindet. Dazu werden rund 500 Teilnehmer erwartet. Es handelt sich um die weltweit größte jährlich stattfindende wissenschaftliche Fachtagung zu diesem Themenbereich.  Wir sprachen im Vorfeld mit der Kasseler Professorin Karin Aguado.

Welche Folgen haben Fluchtkrisen für das Fach?

Aktuell führt der Krieg in der Ukraine dazu, dass sehr viele ukrainische Kinder und Jugendliche hier in die Schulen kommen. Dort treffen sie größtenteils auf Lehrkräfte, die nicht ausreichend dafür qualifiziert sind. Das gilt insbesondere für Hessen, wo man Deutsch als Zweitsprache nicht für das Lehramt studieren kann. Deshalb gibt es nicht genügend gut ausgebildetes Personal. Seit Beginn des Krieges bekommt unser Fachgebiet zahlreiche Anfragen von Schulen, ob wir nicht Studierende schicken können, die Geflüchteten Deutschunterricht geben können. Deutsch als Zweitsprache muss dringend ein grundständiges Studienfach für das Lehramt aller Schulstufen und -typen werden.

Was ist der Unterschied, wenn ich Deutsch für Ausländer und Nicht-Muttersprachler unterrichte?

Der Unterschied zum regulären Deutschunterricht ist, dass man die Regeln der deutschen Sprache ganz anders, eben grundlegend erklären muss. Das ist bei Muttersprachlern nicht nötig. Unterscheiden muss man aber auch zwischen dem Unterricht für Kinder, die hier geboren sind, aber zuhause kein Deutsch sprechen. Sie wachsen ja trotzdem in einem deutschsprachigen Umfeld auf. Anders ist das bei Kindern, die durch Flucht und Migration hierherkommen. Sie verfügen in der Regel über keinerlei Deutschkenntnisse. Was die ukrainischen Kinder betrifft, bringen sie aber gute Voraussetzungen mit, weil sie schon alphabetisiert sind und Schule kennen, also lerngewohnt sind. In der Zuwanderungsphase um 2015 kamen hingegen viele Jugendliche ohne jegliche Schulbildung nach Deutschland. Das war eine ganz andere Situation.

Wie ist es mit erwachsenen Geflüchteten?

Auch da ist es von Vorteil, wenn sie Schulbildung erfahren haben und zum Beispiel bereits Englisch sprechen. Das ist als Brücke für den Deutscherwerb sehr hilfreich. Nicht nur, um zur Verständigung aufs Englische als „lingua franca“ auszuweichen, sondern auch, weil Deutsch und Englisch eng verwandt sind. Das zeigt sich am Wortschatz, aber auch in der Grammatik. Ältere Lernende profitieren davon sehr.

Was hat das Fach aus der Fluchtkrise im Jahr 2015 gelernt?

Wir haben damals in sehr kurzer Zeit unter anderem eine Kompakt-Fortbildung für ehrenamtliche DaZ-Lehrkräfte entwickelt, die Geflüchtete beim Deutschlernen unterstützen wollten. Die Veranstaltung wurde auch von vielen Studierenden unterschiedlichster Fächer besucht. Den Kurs haben wir jetzt in angepasster Form erfolgreich wiederbelebt. Trotzdem muss man leider sagen, dass viele Strukturen für Geflüchtete nicht nachhaltig aufgebaut wurden, auch wenn sie sich in der aktuellen Situation recht schnell reaktivieren lassen. Wir haben den Eindruck, dass wir mit unserem Fach erneut als Feuerwehr fungieren. Unsere Expertise ist wieder sehr gefragt. Was es jedoch bräuchte, wären dauerhafte Strukturen. Dazu gehört, dass für alle Lehramtsstudierenden DaZ-Pflichtmodule eingeführt werden. Wir sind ein Einwanderungsland, da benötigt jede Lehrerin und jeder Lehrer zumindest ein Grundwissen zum Thema, um auf die migrationsbedingte Vielfalt in der Schule angemessen reagieren zu können.

Was ist das Wichtigste beim DaZ-Unterricht?

Ein zentrales Unterrichtsprinzip ist die Handlungsorientierung. Es geht darum, dass wir Lernende in die Lage versetzen, sich in alltäglichen Situationen verständlich zu machen und ihre Gesprächspartner zu verstehen. Wenn ich einen Termin im Rathaus brauche oder etwas im Laden kaufen will, kommt es nicht darauf an, dass jedes Verb richtig konjungiert wird und jedes Nomen den korrekten Artikel hat. Sondern, dass ich mich sprachlich angemessen verhalte, um mein Ziel zu erreichen. Sprache ist zur Kommunikation da, die Grammatik hat dabei lediglich eine dienende Funktion. Insofern gilt die Devise: nur Mut und keine Angst vor Fehlern!

Wie kann man als Laie im Alltag Zugewanderte beim Lernen unterstützen?

Sicherlich nicht, indem man sogenanntes Tarzanisch, auch „foreigner talk“ genannt, mit ihren spricht. Wenn mich jemand in gebrochenem Deutsch nach dem Weg fragt, ist es höflicher und lernförderlicher zu sagen: „Sie gehen die Straße runter und dann rechts“´ und das mit Gesten zu unterstützen anstatt: „Du gehen da“. So etwas mag gut gemeint sein, aber Lernende bekommen dadurch fehlerhaften Input, was den Deutscherwerb erschwert. Sinnvoll ist es, in der Anfangsphase des Spracherwerbs einfache, aber korrekte Äußerungen zu verwenden. Für ein kompliziertes Wort kurz aufs Englische oder eine andere gemeinsame Sprache auszuweichen, ist okay. Aber insgesamt sollte ganz normal Deutsch gesprochen werden, damit Lernende sich weiterentwickeln können. (Von Katja Rudolph)

Zur Person

Prof. Dr. Karin Aguado (58) leitet das Fachgebiet „Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ der Uni Kassel. Gebürtig aus Detmold studierte sie in Bielefeld, wo sie auch Promotion und Habilitation ablegte. Nach akademischen Stationen in Bielefeld, Bochum und Jena kam sie 2006 nach Kassel. Aguado lebt mit ihrem Mann, der aus Katalonien/Spanien stammt, in Kassel. 

Tagungsprogramm unter: daf-daz-jahrestagung.de Plenarvorträge und Podiumsdiskussion sind öffentlich.

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