„Wir hier haben ja richtig Glück gehabt“

Auftakt im Kasseler Impfzentrum: Am Dienstag wurden die ersten 160 Menschen geimpft

Edgar Delpho aus Kassel bekommt seine Coronaschutzimpfung
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Der 90-jährige Edgar Delpho aus Kassel gehörte am Dienstag zu den ersten aus ganz Nordhessen stammenden Impfwilligen, die im nun eröffneten Impfzentrum in Kassel ihre Impfung gegen das Coronavirus bekamen.

Das Kasseler Impfzentrum nahe des Auestadions hat am Dienstag die Arbeit aufgenommen. Wir haben Eindrücke vom ersten Tag gesammelt.

Kassel – Noch gibt es nicht genug Impfstoff, um alle derzeit Berechtigten zu impfen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist aber gemacht: Nachdem die mobilen Impfteams Ende Dezember ihre Arbeit in den Alten- und Pflegeheimen in Stadt und Landkreis Kassel aufgenommen haben, wird seit Dienstag im Kasseler Impfzentrum geimpft (hier erklären wir den Ablauf im Kasseler Impfzentrum).

Die Impfungen: 30.000 Senioren in Hessen haben das Glück, eine Impfung ergattert zu haben. 60.000 Termine gab es vorerst – 30.000 für die Erst- und 30.000 für die Zweitimpfung. Für Nordhessen sind zunächst knapp 5000 Erst- und Zweitimpfungen vorgesehen. „Das richtet sich nach der Einwohnerzahl“, sagt Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle. Im Kasseler Impfzentrum, wo bis zur Öffnung aller hessischen Impfzentren am 9. Februar Impfberechtigte aus ganz Nordhessen geimpft werden, bekamen am Dienstag die ersten 90 Senioren und 70 Mitarbeiter aus dem Rettungs- und Sanitätsdienst ihre erste Impfdosis. In drei Wochen folgt die zweite.

Von den angemeldeten Personen kamen am ersten Tag 28 aus der Stadt Kassel, 34 aus dem Landkreis Kassel, 13 aus dem Schwalm-Eder-Kreis, neun aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg sowie sechs aus dem Werra-Meißner-Kreis. Die Stadt Kassel teilte zudem mit, dass sich die Zahl der Impfungen im Laufe der Woche fast verdreifachen werde.

Sie war am Dienstag die erste: Anneliese Heine (rechts) aus Bad Emstal, hier mit der Medizinischen Assistentin Angelika Beslekoev, kurz vor der Impfung. Heine sagte nach der Impfung, sie habe wegen der Pandemie zuletzt zu viel Zeit allein zuhause verbringen müssen. Daher hoffe sie, dass es nun langsam besser werde.

Die Senioren: Dass der 90-jährige Edgar Delpho aus Niederzwehren am Dienstag zu den ersten Senioren gehörte, die in Kassel geimpft worden sind, hat er seiner Tochter zu verdanken. Als es möglich war, hat sie für ihn sofort einen Termin im Internet klar gemacht. Das habe ohne Schwierigkeiten geklappt. Viele Menschen hätten sich ja darüber beklagt, dass es kaum möglich gewesen wäre, einen Impftermin zu ergattern, sagt Delpho. Er kenne allein fünf Personen aus seinem Bekanntenkreis, die einen Termin bekommen hätten.

Delpho, der früher als Sicherheitsingenieur bei VW gearbeitet hat, ist am Morgen mit dem Auto zum Impfzentrum gefahren. Der 90-Jährige, der Volleyball gespielt hat, bis er 80 war, und bis zu seinem 70. Lebensjahr gelaufen ist (fünf Kilometer bis Marathon) ist noch richtig fit. Natürlich freue er sich, dass er so früh geimpft werden kann. In seinem Leben werde sich aber erst mal nichts ändern. „Wir Geimpften können ja keine Sonderbehandlung bekommen“, sagt Delpho. Lockerungen könne es erst geben, wenn alle die Möglichkeit bekommen haben, sich impfen zu lassen. „Die, die dann nicht wollen, haben selbst schuld.“

Nachdem Delpho in der Impfkabine mit einem Arzt ein Aufklärungsgespräch geführt hat, setzte ihm eine medizinische Assistentin die Spritze. Davon habe er gar nichts bemerkt, so Delpho. Nur, dass er fotografiert worden sei und mehrere Männer deshalb vor ihm auf dem Boden gekniet hätten, sei etwas Besonderes gewesen.

Am 10. Februar besucht Delpho wieder das Impfzentrum: Dann bekommt er die zweite Spritze. Ebenso wie die 81-jährige Christel Beck aus Kassel. Die beschrieb ihre erste Impfung übrigens als sehr zart. Und auch Anneliese Heine aus Kassel, die am Dienstag als erstes geimpft wurde, freut sich schon auf den zweiten Pieks. „Bei all dem Anmeldechaos haben wir hier ja richtig Glück gehabt.“

So sieht sie aus, die hellblaue Spritze mit dem Impfstoff gegen das Coronavirus.

Der Arzt: Maximilian Vincent Thiele ist einer von über 2000 Freiwilligen, die sich für die Arbeit im Impfzentrum beworben haben. „Ich habe mein Studium Ende November abgeschlossen und wollte eigentlich Urlaub machen.“ Stattdessen kümmert sich der 26-Jährige nun um diejenigen, die sich eine Coronaschutzimpfung abholen wollen. „Ich bin jung und flexibel, das ist also genau die richtige Arbeit hier für mich“, erklärt er seine Motivation. Als Arzt prüft er, ob die die Impfwilligen den Aufklärungsbogen gelesen und unterschrieben haben und klärt vor der Impfung noch einmal, ob noch Fragen offen sind. Erst danach darf geimpft werden.

Neben Ärzten wie Thiele sind jeden Tag zudem medizinische Fachangestellte, Apotheker, Pharmazeutisch-technische Assistenten, Sicherheitspersonal und Mitarbeiter in der Verwaltung sowie Logistik im Impfzentrum im Einsatz. Zum Start waren es mehr als 50 Mitarbeiter – darunter zwei Ärzte und vier medizinische Assistentinnen. Ihre Anzahl richtet sich nach der Anzahl der Impftermine. Wenn es erst mal ausreichend Impfstoff gibt, können im Kasseler Impfzentrum pro Tag mehrere tausend Menschen geimpft werden.

Medienrummel: Den Auftakt der Impfungen in der Großsporthalle begleiteten zahlreiche Pressevertreter. Die Senioren nahmen es gelassen und beantworteten geduldig unzählige Fragen.

Die Organisatoren: „Heute ist ein schöner Tag“, sagte am Dienstagmorgen Oberbürgermeister Christian Geselle. Endlich werde in Hessen die Arbeit in sechs Impfzentren aufgenommen. Leider sei es in Deutschland und in der Europäischen Union nicht gelungen, Impfstoff im ausreichenden Maß zu besorgen, so Geselle. Täglich würden sich deshalb auch Menschen bei der Stadt Kassel beschweren, da bislang nur wenig Impfdosen zur Verfügung stehen würden. „Wir würden gern mehr Menschen impfen, um dem Land die Morgenröte wieder zu zeigen.“

Bei all der Frustration über zu wenig Impfsoff dürfe man aber nicht vergessen, dass vor einem Jahr niemand damit gerechnet habe, dass innerhalb eines Jahres ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung stehe, so Geselle. Dafür müsse man dankbar sein.

Froh, dass es endlich losgeht, sind auch Martina Pfeffermann und Thomas Schmidt, die die „BesondereAufbauorganisation Impfen“ leiten und für den Aufbau des Impfzentrums verantwortlich waren. „Hier haben so viele Leute alles gegeben, da ist es gut, dass wir nun starten können“, sagt Pfeffermann. Wichtig sei, dass es nun kontinuierlich weitergehe – wenn auch zunächst mit weniger Impfungen als man vor Ort verimpfen könnte. „Wir hoffen einfach, dass bald weiterer Impfstoff kommt“, sagt Pfeffermann.

Rollstühle stehen am Eingang bereit. Das gesamte Impfzentrum ist barrierefrei.

Der Sicherheitsdienst: 25 Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts Protex sorgen im Impfzentrum dafür, dass alles reibungslos und nach Vorschrift abläuft. Je nach Bedarf können sie noch aufgestockt werden, sagt Protex-Geschäftsführer Ernesto Plantera. 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche werde das Zentrum überwacht – auch per Videoaufzeichnung.

(Ulrike Pflüger-Scherb und Marie Klement)

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