Betriebsratsvorsitzender über die Lage

Kaufhof in Kassel: „Wir kämpfen um unsere Existenz“ 

Galeria Kaufhof in Kassel in der Dämmerung
+
Kaufhof in Kassel: Die Corona-Pandemie zeigt auch hier seine Spuren. (Archivfoto)

Der erneute Corona-Lockdown trifft den Einzelhandel direkt im Weihnachtsgeschäft. Wir haben beim Betriebsrat nachgefragt, wie die Lage bei Kaufhof in Kassel ist.

Kassel – Der erneute Lockdown hat den Einzelhandel mitten im Weihnachtsgeschäft eiskalt erwischt. Zumal der Online-Handel, zusätzlich befeuert durch die Pandemie, den innerstädtischen Geschäften das Wasser abgräbt.

Über die Situation der Mitarbeiter im Einzelhandel sprachen wir mit Manfred Schollmeyer, Betriebsratsvorsitzender von Galeria Karstadt Kaufhof in Kassel. Über die Situation der Mitarbeiter im Einzelhandel sprachen wir mit Manfred Schollmeyer, Betriebsratsvorsitzender von Galeria Karstadt Kaufhof in Kassel.

Wie überrascht waren Sie vom Lockdown?
Dass er kommen würde, war uns bewusst. Aber dass er so schnell kommt, das war schon überraschend. Wir hätten das Weihnachtsgeschäft gern mitgenommen.
Was passiert mit den Mitarbeitern im Lockdown?
Wir gehen in Kurzarbeit. Technisches Personal wird aber weiterhin ins Haus kommen, um nach dem Rechten zu sehen.
Wie war die Situation in den letzten beiden Tagen vor der Schließung?
Es war eine große Herausforderung für unsere Mitarbeiter, unsere Kunden in gewohnter Weise kompetent und freundlich zu beraten. Um dem wachsenden Kundenansturm gerecht zu werden, hatten wir drei zusätzliche Kassen aufgebaut, damit die Schlangen nicht zu lang wurden. Am Dienstag hatten wir sogar bis 21 Uhr geöffnet, um den Andrang zu entzerren. Alle Mitarbeiter haben da mitgezogen. Wir kämpfen aber auch um unsere Existenz und Sicherung der Arbeitsplätze. Der Kaufhof setzt auf Digitalisierung und Online-Bestellungen, weil wir den Kunden in der Innenstadt haben wollen. In der Lockdownphase kann der Kunde von 10 bis 18 Uhr seine Bestellungen abholen.
Glauben Sie, dass Sie am 11. Januar wieder eröffnen können?
Ich persönlich fürchte, dass es dann noch nicht weitergehen kann. Das wird sich vermutlich noch hinauszögern.
Bereits 2019 hat Kassels traditionsreiches Warenhaus durch das Insolvenzverfahren des Konzerns Personal abbauen müssen.
Aktuell arbeiten hier 150 Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit. Ungefähr 70 Stellen mussten in Folge des Insolvenzverfahrens abgebaut werden.
Wie ist denn die Stimmung in der Belegschaft?
Wir bangen natürlich um Arbeitsplätze wie auch andere Branchen, die von Corona betroffen sind. Alles in allem gehen wir aber davon aus, dass unser Haus eine Zukunft hat.
Was muss passieren, damit es wieder aufwärtsgeht?
Den Menschen muss bewusst werden, wie wichtig der innerstädtische Handel ist. Der Kunde entscheidet über eine lebendige Innenstadt. Will er eine gute fachliche Beratung vor Ort? Oder will er bei Amazon & Co einkaufen, die ihre hier erwirtschafteten Gewinne anderswo versteuern? Da ist auch die Politik gefragt, um dem innerstädtischen Handel zu helfen. Schließlich kämpfen wir schon länger mit zurückgehenden Umsätzen – nicht erst seit Corona.
Aber sehen Sie nicht den Zwiespalt der Kunden, die aufgefordert werden, aufgrund der Pandemie die Städte zu meiden?
Natürlich sehe ich den Zwiespalt. Wir sind alle betroffen. Auch die Mitarbeiter müssen in die Innenstadt kommen, um zu arbeiten. Auch unter ihnen haben manche Sorgen und Ängste vor Infektionen. Ähnliche Situationen gibt es natürlich in vielen Branchen.
Denken Sie manchmal wehmütig an bessere Zeiten zurück?
Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren hier. In Spitzenzeiten in den 80er-Jahren haben die Kunden schon morgens vor der Tür gestanden. Bei Sommer- und Winterschlussverkäufen kamen regelmäßig Zeitung und Fernsehen und haben den Ansturm festgehalten. Oder nach der Grenzöffnung, da haben wir super Umsätze erzielt. Dieses Flanieren durch die Innenstädte hat spürbar nachgelassen. Der Kunde kauft gezielter und lässt sich gezielt beraten. Er weiß genau, was er will. In diesen Tagen ist es sicher verständlich, dass er sich nicht lange aufhalten will.
Ihr Wunsch für 2021?
Ich wünsche mir, dass es von staatlicher Seite mehr Unterstützung gibt – wie etwa für die Lufthansa. Es braucht weiter eine belebte Innenstadt. Können Sie sich etwa eine Innenstadt ohne Kaufhof und ohne unsere liebevollen Schaufensterdekorationen vorstellen? Ich nicht. (Bastian Ludwig)
Manfred Schollmeyer, Betriebsratsvorsitzender Galeria Kaufhof Kassel.

Zur Person: Manfred Schollmeyer

Manfred Schollmeyer (62) ist Betriebsratsvorsitzender von Galeria Karstadt Kaufhof in Kassel. Der gelernte Schreiner arbeitet seit über 30 Jahren bei Kaufhof. Zu Beginn hat er in der Haustechnik gearbeitet, später war er stellvertretender technischer Leiter. Er wohnt in Kassel, ist verheiratet und hat ein Kind.

Digitale Aktion von Verdi Nordhessen

Verdi Nordhessen hat eine digitale Aktion gestartet, die drei Kasseler Kolleginnen aus der Branche und ihre jeweilige Situation ins Bild rückt. Die Spots können auf nordhessen.verdi.de oder über die Facebookseite von Verdi Hessen angeschaut werden. „Die Kasseler werden nach dem zweiten Lockdown mit ihrem Kaufverhalten darüber entscheiden, ob sie weiterhin eine attraktive und lebendige Innenstadt – und deren Arbeitsplätze – haben möchten“, sagt Manuel Sauer von Verdi Nordhessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.