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Umweltexperte über Klimawende: „Wir müssen der Politik Feuer machen“

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Von: Matthias Lohr

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Neuer Vorstand des Umwelthauses Kassel: Simon Probst, Matthias Schäpers und Alexander Büttner.
Neuer Vorstand des Umwelthauses Kassel: Simon Probst, Matthias Schäpers und Alexander Büttner. © Martina Keller

Kassel will bis 2030 klimaneutral werden, macht dafür aber zu wenig Tempo. So bewertet Matthias Schäpers die Klimapolitik der Stadt. Der Chef des Umwelthauses sieht die Politik mehr denn je gefordert.

Kassel – Das Umwelthaus ist seit 2006 ein Vorreiter bei der Klimawende. Der Verein, der sich mit Umweltthemen und Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt, wird nun von Matthias Schäpers geführt. Wir sprachen mit dem neuen Vorsitzenden über den Tag der Erde, Kassels Ziel, klimaneutral zu werden, und sein Auto, das er abgeschafft hat.

Sie beerben Hubert Grundler als Vorsitzender des Umwelthauses Kassel, der acht Jahre im Amt war. Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Das Umwelthaus ist in Kassel eine Instanz. Das liegt auch an Hubert Grundler und seinem unermüdlichen Einsatz, für den ich mich ganz herzlich bedanke. Wir müssen also nichts umkrempeln. Aber natürlich hat man gewisse Vorstellungen, wie das Umwelthaus weiterentwickelt werden kann. Es gibt einmal den Verein, der sich mit etwa 40 Mitgliedern in umweltpolitischen und sozialen Themen engagiert, und dann das Haus in der Wilhelmstraße als Anlaufstelle. Beides kann noch mehr ein Zentrum für Umwelt und Nachhaltigkeit werden. Bislang steht vor allem die Umwelt im Mittelpunkt. Ich kann mir gut vorstellen, stärker die Verknüpfung ökologischer, sozio-kultureller und ökonomischer Aspekte in den Vordergrund zu stellen und damit die Transformation zu einer nachhaltigen und lebenswerten Stadt zu beschleunigen. Dazu müssen wir Synergien schaffen und weitere Akteure einbinden.

Aber das Umwelthaus ist ja schon jetzt das Zuhause von Gruppen wie dem ADFC, BUND und Greenpeace. Sie arbeiten doch zusammen.

Das ist richtig. Der Verein ist ebenso eigenständig wie die Initiativen, aber wir organisieren auch gemeinsame Veranstaltungen – etwa die Gesprächsreihe „Lebenswertes Kassel“. Gemeinsam sind wir ein großes Netzwerk. Dennoch bewegen wir uns oft zu sehr in unserer eigenen Bubble. Wir müssen da rauskommen. Bei Veranstaltungen trifft man häufig die bereits Überzeugten. Die Frage ist: Wie kommt man an die anderen Bevölkerungsgruppen ran?

Wie könnte das klappen?

Ich arbeite mittlerweile als Senior Projektleiter bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen in Stuttgart. Dort bin ich verantwortlich für das Thema klimapositive Städte und Gemeinden. In dieser Funktion nutze ich ein Netzwerk von Nachhaltigkeitsexperten und unterstütze Kommunen ganz pragmatisch auf ihrem Weg zur klimaneutralen und nachhaltigen Stadt. Es geht darum, Kommunen umgehend ins Handeln zu bringen. Dabei muss man das Rad nicht neu erfinden. Dieser Ansatz passt sehr gut zum Umwelthaus. Wir kennen Experten für fast alle Aspekte der Nachhaltigkeit in Kassel. Die wollen wir mit den Menschen in Kassel zusammenbringen. Und wir sollten uns intensiver mit der Politik in Kassel beschäftigen und uns zu Wort melden. Denn klar ist: Dass Kassel bis 2030 klimaneutral wird, ist im bisherigen Tempo nicht zu schaffen. Wir müssen der Politik Feuer unterm Hintern machen. Jahrzehntelang haben wir über unsere Verhältnisse gelebt. Jahrzehnte wurde nicht gegengesteuert. Im Grunde reicht es auch nicht mehr, klimaneutral zu werden, wir müssen etwas zurückgeben.

Mit Ihren Vorstandskollegen Simon Probst und Alexander Büttner ist die Vereinsführung deutlich jünger geworden. Werden Sie sich jetzt auch auf Straßen kleben wie die jungen Aktivisten der Letzten Generation?

(lacht) Nein, wir wählen andere Mittel. Bei den Protesten von Fridays for Future waren wir gern dabei. Ich habe dort mehrmals Reden gehalten. Was die Letzte Generation macht, ist nicht unsere Art, auf Probleme hinzuweisen. Man wird die Menschen nicht erreichen, indem man sie vor den Kopf stößt. Auf der anderen Seite geht es aber auch gar nicht, von Klimaterroristen zu sprechen, wenn Menschen friedlich protestieren, damit endlich gehandelt wird. Sie planen ja keinen Staatsstreich, sondern fordern von der Politik, wie auch das Bundesverfassungsgericht, das ein, was hinter der Klimadebatte steht: Generationengerechtigkeit.

Ihr Verein organisiert jedes Jahr den Tag der Erde. Wie wird der denn 2023 aussehen?

Daran arbeiten wir gerade. Der Tag der Erde ist eines der größten Nachhaltigkeitsfeste Deutschlands. Auch ich habe das Umwelthaus dadurch kennengelernt. Es wird der erste richtige Tag der Erde seit 2019, an dem Tausende Menschen auf die Ludwig-Mond-Straße kamen. Er wird am 23. April stattfinden. Den Ort geben wir demnächst bekannt. Gemeinsam mit der Projektschmiede Keller & Gruber werden wir den Tag der Erde in unterschiedlichen Bereichen weiterentwickeln. So wollen wir gerne eine Bühne für politische Diskussionen und andere Aktionsformen anbieten.

Im Sommer 2020 sagten Sie, die Pandemie könne auch eine Chance sein für ein nachhaltiges Leben mit weniger Konsum und Flugreisen. Haben sich das Umweltbewusstsein und das Handeln langfristig geändert?

Ein paar Dinge haben sich verändert. So ist beispielsweise die Zahl der Geschäftsreisen stark zurückgegangen. Vieles passiert heute digital. Die Leute sind damals auch weniger Auto gefahren und mehr spazieren gegangen. Das war eine kleine und kurzzeitige Entschleunigung. Der große Beschleuniger im Umdenken ist aber der Krieg in der Ukraine. Es gibt massive Einschränkungen im Energiesektor. Das wird sich nachhaltig auf die Energieversorgung auswirken. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.

Der Klimaschutz ist auch ein Thema im Oberbürgermeisterwahlkampf. Wird das Umwelthaus eine Wahlempfehlung herausgeben? Sie waren ja selbst für die Grünen im Ortsbeirat Vorderer Westen.

Nein, da halten wir uns zurück. Wir werden aber darauf achten, dass bestimmte Themen im Mittelpunkt stehen. Darum schauen wir, welches Wahlprogramm die Kandidaten haben und ob sie wirklich für das Thema Nachhaltigkeit brennen. Dieses Querschnittsthema muss endlich Chefsache werden. In Kassel gibt es viele motivierte Menschen und eine vorbildliche Institution wie den Klimaschutzrat. Wenn aber an der entscheidenden Position im Rathaus eine Person steht, die den Klimaschutz blockiert, wird deutlich, wie wichtig die Oberbürgermeisterwahl für eine nachhaltige Entwicklung Kassels ist.

Haben Sie Ihren Campingbus noch, den Sie vor zweieinhalb Jahren abschaffen wollten?

Nein, ich bin jetzt autolos und habe eine Bahncard 100, mit der ich bundesweit zu Terminen pendle, wenn ich nicht im Homeoffice arbeite. Der Bus stand nur rum. Jetzt gibt es in Kassel ein Auto weniger auf der Straße, das öffentlichen Stadtraum blockiert. Das sind zwar nur Peanuts, aber jeder sollte bei sich selbst anfangen. (Matthias Lohr)

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