Timon Gremmels war auf der Weltklimakonferenz in Glasgow

SPD-Politiker über Weltklimagipfel: „Wir sind auf dem 1,5-Grad-Pfad“

Auf dem Weltklimagipfel in Glasgow: Timon Gremmels, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Kassel.
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Auf dem Weltklimagipfel in Glasgow: Dort redete Timon Gremmels (SPD) auch mit Teilnehmern aus Französisch-Polynesien, deren Inseln gerade untergehen.

Der Kasseler SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels auf der Weltklimakonferenz in Glasgow und zieht eine positive Bilanz. Das Ziel sei aber noch lange nicht erreicht.

Kassel/Glasgow – Drei Tage war der Kasseler SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels diese Woche auf der Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow. Wir sprachen mit dem 45-Jährigen über seine Bilanz und seine Erfahrungen dort.

Sie waren bereits vor drei Jahren in Katowice dabei. Diesmal wurde erwartet, dass es wie in Paris 2015 eine historische Weltklimakonferenz gibt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Wir sind einen großen Schritt vorangekommen, aber noch nicht am Ziel. Dafür sind 190 Länder auch zu verschieden. Indien zum Beispiel war bislang kein Vorreiter beim Klimaschutz. Das Land hat Kohle en masse im Boden und 270 Kohlekraftwerke. Dort macht man sich jetzt auch auf den Weg und will bis 2070 klimaneutral sein – das ist zwar langsamer als andere Länder, aber Indien bewegt sich. Es ist gut, dass es jetzt einige konkrete Vereinbarungen gibt.
Welche denn?
Es gibt zum Beispiel die Reduzierung des klimaschädlichen Methangases um 30 Prozent bis 2030 und den Entwaldungsstopp. Ein wichtiges Signal ist zudem die Vereinbarung von China und den USA, die gemeinsam den Klimaschutz stärken wollen. Das alles sind wichtige Schritte auf dem Weg, das Ziel von Paris zu erreichen, also eine maximale Erderwärmung von 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Vor Glasgow waren wir bei einer Erderwärmung von 2,7 Grad. Wenn nun alles, was in Glasgow beschlossen wurde, auch umgesetzt wird, sind wir unter 2 Grad. Wir sind noch nicht beim Paris-Ziel angekommen, aber wir sind auf dem 1,5-Grad-Pfad.
Noch nie waren bei einer Weltklimakonferenz so viele Delegierte. Wie wichtig ist der Austausch?
Absolut wichtig. Ich habe mit einer Kollegin aus Französisch-Polynesien gesprochen Ein Teil der 100 Inseln ist akut vom Untergang bedroht. Und ich habe mit Vertretern der indigenen Bevölkerung aus Brasilien geredet, die von der Abholzung durch Präsident Bolsonaro betroffen sind. Wenn man deren Berichte aus erster Hand hört, wird die Dramatik noch viel deutlicher, als wenn man nur abstrakte wissenschaftliche Reports liest. Das erhöht den Handlungsdruck.
Wie wird eigentlich entschieden, wer für Deutschland teilnimmt?
Für Deutschland verhandelt die Europäische Union. Das Umweltministerium ist ein Teil dieser Delegation. Im Plenarraum sind alle Staaten vertreten. Dort haben etwa Angela Merkel und Joe Biden geredet. Einen halben Tag durfte ich dort Deutschland repräsentieren. Die deutsche Delegation umfasste auch drei Bundestagsabgeordneten. Jede Fraktion durfte ein Mitglied entsenden. Neben der SPD haben jedoch nur Grüne und Union davon Gebrauch gemacht. Bei der Bundestagsdebatte zu Glasgow am Donnerstag hat ein Redner der AfD sogar bestritten, dass Inselstaaten untergehen werden. Das finde ich besonders zynisch, wenn einem die Vertreter solcher Inselstaaten mit Tränen in den Augen die Notwendigkeit des Handelns deutlich gemacht haben.
Was nützen die getroffenen Ziele, wenn es keine Sanktionen gibt, falls die nicht erreicht werden?
Das Abkommen von Paris ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der eingehalten werden muss. Und natürlich muss jeder Staat seine Klimapolitik überprüfbar machen. Absichtserklärungen wie der Abholzungsstopp müssen nun mit Leben gefüllt werden. Und Deutschland muss wieder Vorreiter beim Ausbau erneuerbarer Energien und beim Klimaschutz werden. Darum ist es gut, dass es nächstes Jahr bei der Weltklimakonferenz im ägyptischen Scharm el-Scheich überprüft wird. Werden die Ziele nicht erreicht, gibt es deutlich mehr Druck.
Länder wie die USA und Frankreich preisen die Atomkraft als klimafreundliche Energie. Warum halten Sie davon nichts?
Weil Atomkraft die teuerste Form der Energiegewinnung ist. Sie ist nur durch Steuersubventionen künstlich preiswert gehalten worden. Der Block C des britischen AKWs Hinkley Point etwa wird 2026 erst zehn Jahre später als geplant eingeweiht. Die Kosten dort sind um zehn Milliarden Euro explodiert. Es gibt nicht einen Versicherungskonzern, der vor Schäden absichert. Wir haben die nicht geklärte Endlagerfrage. Uran, das nicht klimafreundlich gefördert werden kann, muss importiert werden. Wir können die Herausforderungen von übermorgen nicht mit einer Technologie von vorgestern lösen.
Haben Sie Ihre Flugreise nach Glasgow eigentlich kompensiert, um Ihren CO2-Verbrauch auszugleichen?
Selbstverständlich. Das haben wir in der letzten Wahlperiode durchgesetzt: Alle Flüge von Bundestagsabgeordneten werden kompensiert. Das ist das Mindeste, das man tun kann, wenn man es zeitlich nicht schafft, mit der Bahn nach Schottland zu reisen.

Von Matthias Lohr

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