„Wir sind sauer und enttäuscht“

Nach fast einem Jahr Unterricht unter Corona: Kasseler Schülerin zieht Bilanz

Schülerin Sofia Stresing
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Wünscht sich mehr Schutz vor Corona in den Schulen: Sofia Stresing engagiert sich bei „Unverantwortlich“.

Das Schulhalbjahr ist vorbei, das neue hat begonnen. Sofia Stresing, Schülerin am Wilhelmsgymnasium, hat dies zum Anlass für eine Zwischenbilanz genommen.

Kassel – Für uns blickt die 18-Jährige, die sich in der Schüler-Kampagne „Unverantwortlich“ für mehr Schutz in den Schulen vor der Pandemie engagiert, auf ein Jahr Unterricht unter Corona-Bedingungen zurück.

Mit ihrer Mitstreiterin Ronja Fock hat sie einen Text verfasst. Positiv fällt das Zwischenfazit nicht aus:

„Nach den Sommerferien ging es mit mulmigem Gefühl zurück in die Schule, fast so als wäre nichts gewesen. Viele von uns eng auf eng mit Bussen und Bahnen. Und klar, auf den Gängen der Schule sollte man zwar mal die Masken aufziehen, aber dann im Klassenraum wieder nicht. Dicht an dicht drängten sich also dreißig Haushalte auf engstem Raum.

Wenn jemand positiv getestet wurde, schickte man die gesamte Klasse in Quarantäne, bis dies zu häufig der Fall war und kein Unterricht mehr hätte stattfinden können. So waren es dann bald nur die Sitznachbarn, die zuhause bleiben mussten.

Regelungen wie diese wirkten willkürlich und verunsicherten die Schülerinnen und Schüler nur noch mehr.

Nach den Herbstferien erwarteten wir, dass man sich irgendwie um uns Schüler Gedanken gemacht hätte und etwas vorbereitet hätte, aber außer, dass einige im Unterricht wieder Masken tragen sollten und ab und zu mal stoßgelüftet wurde, änderte sich nichts.

Einige Lehrer stellten sich dafür einen Timer, andere ließen die Fenster trotzdem die gesamte Zeit geschlossen. Später sank die Temperatur im Klassenraum stetig und damit auch unsere Motivation, am Unterricht teilzunehmen. So konnte doch kein produktiver Unterricht aussehen. Wir machten ein paar Kniebeugen und klatschten auch mal in die Hände, während es in den Räumen teilweise sieben Grad waren.

Die Klausuren und Klassenarbeiten wurden weiter durchgezogen. Wenn dann doch jemand in Quarantäne war, musste er oder sie schauen, wie er oder sie an die Unterrichtsmaterialien kam, denn die meisten Lehrer waren auch schon mit dem Präsenzunterricht unter diesen Bedingungen überfordert. Wie also jetzt noch die einzelnen Schülerinnen und Schüler zuhause versorgen?

Dann plötzlich: Schulen zu, alles dicht, damit man Weihnachten noch mal Oma und Opa besuchen konnte. Eigentlich gut, aber eben kein Unterricht. Und nach den Ferien und nach Weihnachten? Distanzunterricht.

Ein bisschen besser vorbereitet als zuvor, aber trotzdem stürzten deutschlandweit Schulplattformen wie Moodle ständig ab und Big Blue Button für Videokonferenzen funktionierte auch nicht. Eigentlich war doch lange genug Zeit, hier etwas Funktionierendes für alle auf die Beine zu stellen. Am Schlimmsten traf es die Schülerinnen und Schüler auf dem Land, die keine gute Internetverbindung haben, können leider nicht wirklich am Online-Unterricht teilnehmen.

Bildung ist ja auch zuhause wichtig, aber man kann sich eben nicht sonst mit Freunden zum Lernen treffen, und auch sonst nichts unternehmen, um den Kopf freizubekommen. Viele von uns machen sich Sorgen um unsere Eltern, die immer noch weiter zur Arbeit müssen. Einige haben auch schon jemandem im näheren Kreis mit Corona-Erkrankung. Jedoch nichts davon findet sich bei der Notengebung. Der Leistungsdruck bleibt. Es gibt keine ausreichende pädagogische Betreuung. Auf die unterschiedlichen Lernsituationen zuhause wird nicht eingegangen. Zeugnisse gibt es ja nach wie vor. Gerade für die Jüngeren ist dies sehr bedrückend.

Unser Dank gilt den Lehrern, die mit Engagement Lösungen suchen und häufig auch finden. Aber wir sind sauer und enttäuscht, dass die wirklich Verantwortlichen immer noch so mit uns umgehen.“ (Christina Hein)

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