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„Wir sind überglücklich“: Kasseler Frauenärztinnen zur Abschaffung von Paragraf 219a

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Von: Katja Rudolph

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Wegen Paragraf 219a auf der Anklagebank: Natascha Nicklaus (links) und Nora Szász mussten sich 2018 wegen mutmaßlicher Werbung für Schwangerschaftsabbrüche vor Gericht verantworten. Das Verfahren wurde später eingestellt. ARCHIV
Wegen Paragraf 219a auf der Anklagebank: Natascha Nicklaus (links) und Nora Szász mussten sich 2018 wegen mutmaßlicher Werbung für Schwangerschaftsabbrüche vor Gericht verantworten. Das Verfahren wurde später eingestellt. © Swen Pförtner

Kassel – Gestern hätte Nora Szász der malerischen Toskana glatt den Deutschen Bundestag vorgezogen. Doch der Italienurlaub war lange geplant, und so verfolgte die Kasseler Frauenärztin die Berliner Debatte um den Abtreibungsparagrafen 219a per Live-Stream im Netz. „Ich bin in euphorischer Stimmung“, sagt die Kasselerin, als wir sie am Telefon erreichen, kurz nachdem der Bundestag die Abschaffung des umstrittenen Paragrafen mit großer Mehrheit beschlossen hat. Ebenso glücklich ist darüber ihre Kollegin Natascha Nicklaus, die vor Ort in Berlin war.

Der seit Jahren umstrittene Paragraf verbietet bislang „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“. Das Verbot geht dabei so weit, dass Ärztinnen und Ärzte, die auf ihrer Praxis-Homepage über Schwangerschaftsabbrüche informieren, strafrechtliche Konsequenzen fürchten müssen. Auch Nora Szász und ihre Kollegin Natascha Nicklaus waren 2017 von Abtreibungsgegnern angezeigt worden, weil unter den medizinischen Leistungen ihrer Gemeinschaftspraxis den Schwangerschaftsabbruch aufgeführt hatten. Das Gerichtsverfahren war 2019 eingestellt worden.

Sie sei froh und dankbar, dass der Paragraf nun gänzlich abgeschafft sei, sagt Nora Szász. Damit werde extremen Abtreibungsgegnern „das juristische Handwerkszeug genommen, um die Ärzteschaft landauf, landab einzuschüchtern.“ Dass in der Bundestagsdebatte die Bewegung zur Abschaffung des Werbeverbots ausdrücklich gewürdigt wurde, habe sie gefreut, sagt die Kasseler Gynäkologin. Auch sie war neben der Gießener Ärztin Kristina Hänel dabei namentlich erwähnt worden.

In der Debatte der Abgeordneten, in der auch viele jüngere Frauen sprachen, sei der heutige Stellenwert des Digitalen deutlich geworden, sagt Szász. „Die Argumentation von der anderen Seite kam dagegen altbacken daher“, so die 60-Jährige über die Kritik aus Reihen von CDU und AfD. „Es ist eine Unterstellung, dass es Frauen von einem Schwangerschaftsabbruch abhält, wenn sie keine Informationen haben.“ Im Gegenteil, sagt Szász, helfe eine umfangreiche sachliche Information Betroffenen, ihre Entscheidung frei zu treffen.

Nach der Bestätigung der Abschaffung des Paragrafen durch den Bundestag wollen die beiden Frauenärztinnen auf der Homepage ihrer Praxis im Vorderen Westen alle nötigen Informationen über den Schwangerschaftsabbruch bereitstellen. „Das liegt alles schon in der Schublade bereit“, sagt Szász. Trotzdem glaube sie, dass nicht alle Kolleginnen und Kollegen sofort ihre Webseiten mit Inhalten zum Schwangerschaftsabbruch füllen werden. „Manche müssen erst wieder Vertrauen fassen, dass man nicht mehr mit einem Bein im Gefängnis steht.“ (Katja Rudolph)

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