„Wir sollten nicht wegschauen“

Kasselerin Theresa Schmidt von der Initiative Seebrücke hat Flüchtlingselend erlebt

Flüchtlingslagers auf der griechischen Insel Samos
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Prekäre Zustände: Viele selbst gebaute, dicht an dicht stehende Hütten prägen das Bild des Flüchtlingslagers auf der griechischen Insel Samos.

Die Bilder von den elenden Zuständen in überfüllten Flüchtlingslagern in Griechenland und auf dem Balkan sind um die Welt gegangen. Die Kasseler Aktivisten der internationalen Flüchtlingsinitiative Seebrücke werben seit Längerem mit öffentlichen Aktionen dafür, dass Hessen im Rahmen eines Landesaufnahmeprogramms mehr Flüchtlinge aufnimmt.

Kassel – Die Kasseler Studentin Theresa Schmidt von der Seebrücke kämpft auch für dieses Ziel. Sie ist Augenzeugin und erzählt den Menschen hier in Nordhessen von ihren Besuchen auf der griechischen Insel Samos, wo eines der Flüchtlingslager steht. Die Bremerin war nach eigenen Worten schon zweimal auf der Insel, die nicht nur bei deutschen Touristen beliebt ist, um dort ehrenamtlich Flüchtlingen zu helfen.

Vor zwei Jahren habe sie in der Klinik auf Samos erkrankte Flüchtlinge im Auftrag einer medizinisch ausgerichteten Nichtregierungsorganisation (NGO) behandelt, sagt die examinierte Physiotherapeutin. Seit dem Sommer vergangenen Jahres studiere sie Soziale Arbeit in Kassel und habe zwischen Herbst und Februar während eines Praktikums für eine weitere NGO Hilfsgüter auf dem Vorplatz des Lagers an Flüchtlinge verteilt, berichtet Schmidt. Ins Lager selbst habe sie allerdings nicht hineingedurft.

Das ursprünglich für 650 Flüchtlinge dimensionierte Lager beherberge inzwischen 3700 Migranten, vorwiegend aus Syrien, Afghanistan und der Demokratischen Republik Kongo. Manche lebten schon mehr als ein Jahr in dem Lager. „Die Zustände sind menschenunwürdig“, sagt Schmidt. Das Lager gleiche mit seinen zum Teil selbst von den Flüchtlingen gezimmerten Behausungen und Zelten einem Dschungel. Es gebe viel zu wenige Sanitäranlagen und es herrsche Wassermangel.

Zahlreiche Flüchtlinge müssten auf dem Boden schlafen. Es fehle an Kleidung und Decken und an Geld. Die Lage des Lagers an einem Hang sei gefährlich, wenn es stark regne. „Die Flüchtlinge haben dann jede Nacht Angst, unter einer Schlammlawine begraben zu werden“, sagt die 24-Jährige. Während ihrer Arbeit als Physiotherapeutin auf der Insel habe sie festgestellt, dass viele Flüchtlinge unter Rücken- und Kopfschmerzen und chronischen Erkrankungen leiden. Sie könnten sich zudem nicht ausreichend vor Corona schützen.

Sie sei unter anderem durch eine frühere Tätigkeit in einer Asylbewerberunterkunft in Deutschland auf das Schicksal von Flüchtlingen aufmerksam geworden, sagt Schmidt. „Als Europäerin sehe ich es als meine Pflicht an, mich zu engagieren. In dieser humanitären Krise an unserer Außengrenze sollten wir nicht wegschauen“, meint sie.

Das sei im Bewusstsein der Zivilbevölkerung noch nicht ausreichend angekommen. Sie kämpfe um mehr Aufmerksamkeit der Deutschen für die Flüchtlinge. (Peter Dilling)

Info: instagram.com/seebrueckekassel

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