Corona: Selbsthilfegruppe Narcotics Anonymous darf sich nicht treffen

Kasseler Suchthilfe: Wir verlieren Menschen

Mann am Handy.
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Nicht alle Gruppenmitglieder sind über elektronische Medien zu erreichen: Die Narcotics Anonymous sind aber auf persönliche Kontakt angewiesen. Unser gestelltes Foto zeigt einen Mann am Handy.

Die meisten Menschen leiden unter Corona und den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Aber eine Gruppe, die so gut wie gar nicht in der Öffentlichkeit steht, leidet ganz besonders unter der aktuell verordneten Isolation. Es ist die Kasseler Selbsthilfegruppe „Narcotic Anonymous“. Sie darf sich zurzeit nicht versammeln und Treffen nur virtuell und per Zoom-Konferenz anbieten.

Kassel – „Das ist bei unserer Gruppe sehr problematisch und birgt für viele die Gefahr eines Rückfalls“, sagt Narcotics-Gruppenmitglied Michael Meyer (Name von der Redaktion geändert). Unabhängig von der Tatsache, dass nicht alle mit entsprechenden digitalen Endgeräten ausgestattet sind und ihnen nicht immer Rückzugsorte für vertrauliche Gespräche zur Verfügung stehen, sei der direkte Kontakt von Mensch zu Mensch elementar für die Arbeit der Selbsthilfegruppe.

„Die persönliche Bindung ist das A und O“, sagt Meyer. Das Grundprinzip der Gruppe sei es, „die Kälte der Sucht durch soziale Wärme zu ersetzen“. Normalerweise gehöre da auch die Umarmung dazu. „Es ist nichts wichtiger für uns, als das Gefühl, als Mensch angenommen zu sein.“ Das betreffe vor allem Neuankömmlinge, betont Meyer. Doch davon kann im Moment keine Rede sein.

Im Gegenteil: „Wir verlieren gerade Menschen“, so Meyer. Von den rund 40 Narcotics aus allen Schichten der Bevölkerung, die in der Kasseler Gruppe bekannt sind – drei Meetings in der Woche sind Standard – seien fast die Hälfte nicht mehr präsent und regelrecht abhandengekommen. „Die erreichen wir gar nicht mehr“, sagt Meyer. „Das macht mir Sorgen, denn dem einen oder anderen geht es garantiert nicht gut.“

Nach dem Lockdown im Frühjahr hat die NA-Selbsthilfegruppe, die sich unter dem Dach von Kiss, der Kasseler Kontakt - und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen, normalerweise im Haus der Sozialwirtschaft Treppe 4 trifft, einen gründlichen Hygieneplan für ihre Zusammenkünfte erstellt, so Meyer: „Das Maskentragen für alle haben wir lange vor der offiziellen Verpflichtung eingeführt.“ Nur derjenige, der gerade vor den anderen redet, darf sie kurz abnehmen. Es gibt eine Einbahnstraßenregelung, Desinfektion der Hände und so weiter. Meyer: „Wir akzeptieren die Corona-Maßnahmen und wollen uns solidarisch verhalten.“ Bis zum aktuellen Lockdown light konnten die Treffen auf diese Weise wieder stattfinden. Dann war Schluss.

Jetzt kämpft die Gruppe dafür, vom Gesundheitsamt die Erlaubnis zu bekommen, sich wieder treffen zu dürfen, so wie das in anderen Städten der Republik, etwa in Berlin oder Erfurt, auch möglich ist. Aus einem Fachgutachten, das die Narcotics in Auftrag gegeben haben, geht hervor, dass aus medizinisch-therapeutischer Sicht die Gewährung von dauerhaften und regelmäßigen Treffen für Selbsthilfegruppen von Abhängigkeitspatienten unerlässlich ist, weil sonst Gefahr für die Betroffenen bestehe. „Im Prinzip leiden alle Selbsthilfegruppen unter der aktuellen Situation“, sagt Meyer. Bei einer Suchterkrankung komme jedoch hinzu, dass sie unbehandelt immer lebensbedrohlich sei.

Dazu sagt Stadtsprecher Michael Schwab: Selbsthilfegruppen sind vom allgemeinen Versammlungsverbot insofern ausgenommen, dass für sie, bei medizinischer Notwendigkeit, eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden kann. Insbesondere bei den Selbsthilfegruppen von Menschen mit seelischen Erkrankungen und Sucht könne die medizinische Notwendigkeit für persönliche Treffen gegeben sein. Diese Ausnahmegenehmigung kann formlos bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) beantragt werden:

Internet: kassel.de/buerger/gesundheit/gesundheitliche-beartung-und-hilfen/selbsthilfe/selbsthilfe.php

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