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Unwort des Jahres soll mehr Sprachkultiviertheit bewirken

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Von: Claudia Feser

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Das Bild zeigt Begriffe, die zum Unwort eines Jahres gewählt wurden oder in der engeren Auswahl waren.
Worte gegen die Menschenwürde: Unser Symbolbild zeigt Begriffe, die zum Unwort eines Jahres gewählt wurden oder in der engeren Auswahl waren. © Claudia Feser

Klimaterroristen ist das Unwort des Jahres 2022. In der Jury sitzt Prof. David Römer, der Linguist hat seit August einen Lehrstuhl an der Universität Kassel.

Kassel – Er betreut mit Mitarbeiterin Hanna Poloschek die Arbeitsstelle Unwort des Jahres an der Uni. Sie haben die 1476 eingereichten Vorschläge, darunter 497 verschiedene, gesammelt. In der engeren Auswahl waren 25 Wörter. Wir hatten im Vorfeld der Juryentscheidung mit Prof. Römer darüber gesprochen.

Wie wird ein Wort zum Unwort des Jahres?

Wir erfinden keine Unwörter, sondern wir bekommen Vorschläge aus der Bevölkerung, per E-Mail, Brief oder Internet-Formular. Wir sammeln diese und stellen am Jahresende Listen zusammen: A-, B- und C-Listen. In die A-Liste kommen dann die Vorschläge, die alle vier Kriterien erfüllen.

Welche sind das?

Es sind moralisch-ethische Kriterien. Zum einen richtet sich der Blick auf Wörter, die auf eine Weise verwendet werden, dass sie gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Formulierung „Geschwätz des Augenblicks“, die für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche verwendet wurde. Ein weiteres Kriterium ist, wenn die Wortgebräuche gegen die Prinzipien der Demokratie verstoßen, zum Beispiel das Wort „alternativlos“ als Haltung, um sich der Argumentationspflicht zu entziehen. Drittens wenn ein Wort einzelne gesellschaftliche Gruppen diffamiert. Ein Beispiel ist die Formulierung „Wohlstandsmüll“ für arbeitsunfähige oder arbeitsunwillige Menschen – das ist eine Pauschalverurteilung. Viertens das Euphemismus-Kriterium, das besagt, dass ein Sachverhalt verschleiernd oder beschönigend dargestellt wird.

Zum Beispiel wenn von Ukraine-Krise die Rede ist?

Ja, dieser Begriff wurde für das Unwort des Jahres 2022 mehrfach eingereicht.

Welcher Vorschlag wurde am häufigsten genannt?

Das war das Wort Eigenverantwortung, das 300 Mal eingereicht wurde. Wir gehen davon aus, dass es eine gezielte Kampagne war.

Kommt das häufiger vor?

Ja, immer mal wieder. Auf diese Weise versuchen Gruppen, auf die Entscheidung zum Unwort des Jahres Einfluss zu nehmen. Das beeindruckt uns als Jury aber nicht. Es sind auch schon Wörter ausgewählt worden, die nur ein Mal eingereicht wurden.

Welches zum Beispiel?

Das Wort betriebsratsverseucht, das zum Unwort des Jahres 2009 gekürt wurde. Die Vorschläge spiegeln den gesellschaftlichen Diskurs wider. Anfang 2022 hatten wir viele Vorschläge aus dem Bereich Corona, ab Mitte des Jahres kam der Klimawandel hinzu und der Diskurs über den Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Gegen Ende kamen dann noch Worte aus der Thematik der Fußball-WM in Katar hinzu.

Ist die Wahl also eher eine politische anstatt eine linguistische Entscheidung?

Natürlich können wir das Wort nicht vom Inhalt trennen. Wir wählen nicht die Inhalte, die wir mutmaßlich doof finden, sondern es geht uns um den Gebrauch der Sprache: Ist das Wort in seiner Verwendung angemessen oder unangemessen? Es ist gut, dass die Jury-Entscheidung von Linguistinnen und Linguisten gemacht wird, wir haben die Expertise. Wir sind institutionell und parteipolitisch unabhängig, es handelt sich nicht um eine politische Sache.

Gibt es die Wahl zum Unwort des Jahres nur in Deutschland?

Nein, Wortwahlen sind international, es gibt sie in der Schweiz, in Österreich und England, aber sie sind nicht analog. Wir sind autark. Es ist für uns Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler ein Ehrenamt, es ist eigentlich ein Hobby, aber mit ernstem Hintergrund.

Warum ist das Unwort des Jahres so wichtig?

Es regt zum Nachdenken über Sprache an – etwa wenn wir es schaffen, die Menschen zu ermutigen, uns Wörter einzureichen und sie diese Vorschläge begründen. Dann haben wir schon etwas erreicht. Wir wollen die Sprachreflexion fördern, um so zu mehr Sprachkultiviert-heit beizutragen. Das ist eine idealistische Vorstellung.

Hat die Entscheidung Auswirkungen auf die Gesellschaft?

2021 war der Ausdruck „Pushback“ Unwort des Jahres. Das bezeichnet die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen und am Grenzübertritt zu hindern. Seitdem das Wort zum Unwort wurde, wird es in der Berichterstattung oft in Anführungszeichen gesetzt, um sich vom Sprachgebrauch zu distanzieren. Die Hilfsorganisation Sea-Watch hat sich bei uns bedankt für das Unwort.

Sind Sie also eine Art Sprachpolizei?

Nein, wir wollen nicht tabuisieren. Wir wollen keine Regeln für richtig und falsch machen, sondern den Blick auf unangemessenen Sprachgebrauch lenken. Besonders freut es mich, dass das Unwort mittlerweile im Schulunterricht viel Beachtung findet. Wir bekommen jedes Jahr Einreichungen von Schulklassen. Mir geht das Herz auf, dass in der Schulbildung über Sprache nachgedacht wird und wir dazu beitragen können. (Claudia Feser)

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