Energieberater Armin Raatz im Interview über die Arbeit am Klimaschutzkonzept der Stadt Kassel

„Wir wollen viele überzeugen“

Armin Raatz

kassel. Mit Unterstützung der Klima und Energieeffizienz Agentur (KEEA) hat die Stadt im April die Entwicklung eines integrierten Klimaschutzkonzeptes in Angriff genommen. Wir sprachen mit KEEA-Gründer Armin Raatz über das Zukunftsprojekt.

Was soll das Klimaschutzkonzept konkret leisten?

Armin Raatz: Es geht um eine städtische Strategie beim Klimaschutz und darum, möglichst viele Bürger anzuregen, Energie einzusparen.

Warum sind dann nur drei Stadtteile eingebunden?

Raatz: Die Konzeptentwicklung bezieht sich auf das gesamte Stadtgebiet. Die drei Stadtteile wurden als Modellstadtteile ausgewählt, da die Erfahrung bei ähnlichen Projekten zeigt: Wenn man die ganze Stadt einbezieht, bleibt es zu unkonkret. Kirchditmold, Bettenhausen und die Unterneustadt haben beim Thema Eigeninitiative gezeigt und sich zuerst gemeldet. Deshalb sind sie dabei. Außerdem passte es gut: In Kirchditmold steht das Thema Wohnen im Mittelpunkt, in Bettenhausen Gewerbe und Industrie, in der Unterneustadt spielt der Verkehr eine wichtige Rolle.

Warum ist lokaler Klimaschutz von Bedeutung?

Raatz: Wir müssen sparsamer mit Ressourcen umgehen, auch zur Zukunftssicherung der Stadt. Sonst fließt das ganze Geld in Energie, es bleibt nichts mehr übrig für die lokale Wirtschaft. Der Energieverbrauch hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum geändert, er ist konstant hoch. Wer sein Haus dämmt, sorgt dafür, dass Geld in der Region bleibt, im Handwerk Arbeitsplätze geschaffen und nachhaltig gesichert werden.

Energetische Gebäudesanierungen spielen eine zentrale Rolle. Häuser, die zwischen 1948 und 1978 gebaut wurden, gelten als Energiefresser. Würde es nicht mehr bringen, auf deren Eigentümer zuzugehen?

Raatz: Die Stadt kann niemandem vorschreiben, was er tun soll. Sie versucht, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Auch kleine Schritte sind wichtig. Damit sollen möglichst viele überzeugt werden, sich beim Klimaschutz zu engagieren und mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Stadt hofft, dass viele nachziehen. Dazu werden Gruppen wie die Siedlergemeinschaft Bettenhausen einbezogen. Im Januar soll es eine Veranstaltung mit Eigentümern in der Eichwaldsiedlung geben.

Wie viel lässt sich mit einer guten Dämmung einsparen?

Raatz: Ich mache das mal an meinem Dreifamilienhaus an der Heckerstraße deutlich: Das hat früher 20 Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr verbraucht, jetzt sind es fünf Liter. Allerdings muss man dafür schon einiges investieren. Hier waren es 70 000 Euro.

Und wenn man sich das nicht leisten kann?

Raatz: Das ist ein Problem vor allem bei kleineren Häusern. Wegen der langen Laufzeiten bekommen ältere Menschen nicht immer einen Kredit. Klimaschutz soll keine elitäre Veranstaltung sein. Die Stadt möchte mit dem Konzept alle Bevölkerungsschichten erreichen. Durch richtiges Lüften, Einsatz von Energiesparlampen und sparsamen Elektrogeräten lassen sich 15 bis 20 Prozent Energie einsparen. Die Tipps sind Geld wert. Zum Energiesparen ist geplant, Hausmeister städtischer Einrichtungen weiter zu schulen und Mieter zu beraten - zum Beispiel über den Frauentreff Brückenhof und den Nachbarschaftstreff Hand in Hand.

Welche Erfahrungen haben andere Städte mit dem Klimaschutzkonzept gemacht?

Raatz: Bad Hersfeld hat großartige Erfolge erzielt. Dort wurden innerhalb von zwei Jahren über 100 Häuser saniert und Fotovoltaikanlagen im großen Stil errichtet.

Was kostet die Arbeit am Klimaschutzkonzept?

Raatz: Das Projekt läuft über ein Jahr und ist mit 191 000 Euro veranschlagt. 65 Prozent davon trägt der Bund.

Was wäre ein realistisches Ziel?

Raatz: Eine Gebäudesanierungsrate von 2 bis 2,5 Prozent muss schon sein, sonst dauert alles zu lange. Das wird aber nur mit gewaltigen Anstrengungen zu schaffen sein. Zurzeit sind es bundesweit 0,8 Prozent. Die Förderprogramme müssen passen. Wir sprechen mit den Banken, damit sie Angebote machen. Archivfoto: Schoelzchen / nh

Von Ellen Schwaab

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