Wirbel um Raubkopien

Videothekar soll Tausende Euro erpresst haben

Kassel. Für jemand, der sich im Anschluss eher selten ganz genau erinnert, sagt der Zeuge oft „auf jeden Fall“. Es ist Dienstagnachmittag im Amtsgericht, und die Juristen im Saal versuchen zu ergründen, wie viel Geld der Fuldataler dem 38-jährigen Kasseler auf der Anklagebank gezahlt haben mag.

Der nämlich ist der Erpressung angeklagt. Als Betreiber einer Kasseler Videothek soll er dem Zeugen Angst gemacht haben. Er habe behauptet, es gebe Beweise dafür, dass der Fuldataler Raubkopien von DVD angefertigt habe, heißt es in der Anklage. Gegen Geld könnten diese Beweise verschwinden.

Immer neue Drohszenarien, in denen eine Entdeckung durch die Strafverfolgungsbehörden angeblich kurz bevor stand, seien aufgebaut worden. Laut Anklage veranlasste das den Zeugen über Jahre zum Zahlen. Knapp 49 000 Euro habe der Kasseler dem Fuldataler abgeluchst - plus eine Modell-Lok, ein Sammlerstück, im Wert von rund 700 Euro.

Doch als der Dienstag sich den reiferen Nachmittagsstunden nähert, hält die Staatsanwaltschaft die Beute für gehörig geschrumpft - auf eher 15 000 Euro. Denn an zu vielen Stellen vermag der Zeuge nicht mehr zu sagen, ob er abgehobene Beträge, die in der Anklage auftauchen, nicht doch zum Teil für sich selbst verwendet hat - oder gar ganz.

Der Mann berichtet auch von Ärger mit angeblichen Lotto-Anbietern und deren Inkasso-Forderungen. Einen Anwalt habe er sich nehmen müssen, um der Sache Herr zu werden. „Sagen Sie mal, haben Sie einen Überblick über ihre Finanzen?“ will Richterin Ferchland an einer Stelle von ihm wissen. „Eigentlich schon“, sagt der Fuldataler. Er sei aber nicht so der Büromensch.

Der Angeklagte bestreitet gestern jegliche Erpressung. Er habe dem Fuldataler Filme besorgt und verkauft, erklärt er. Einmal auch Babykleider für dessen Nichte. Und die Modell-Lok habe er in dessen Auftrag bei Ebay vertickt und ihm das Geld abzüglich der Gebühren ausgezahlt. Ob er wisse, ob der Zeuge Filme schwarz gebrannt habe, will jemand wissen. Daraufhin berichtet der Kasseler lediglich von zerkratzten DVD, die andere mal als Kunde zurück in die Videothek gebracht habe.

Die Ehefrau des Angeklagten ist als Zeugin geladen, macht aber von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch. Vier weitere Zeugen warten im Flur. Doch das Gericht ist rund drei Stunden mit dem Fuldataler beschäftigt - und die reichen nicht aus. Im März soll der Mann noch weiter gehört werden. Bis dahin will sich das Gericht mehr Überblick über seine Kontobewegungen verschaffen.

Von Katja Schmidt

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