Karlswiese: Wird das Kunst?

Kassel. Auf der Karlswiese vor der Orangerie in Kassel wachsen derzeit zwei große Erdhügel. Ein Hinweissschild, das die Bauarbeiten erklärt, fehlt. Wir wissen aber: In dem eingezäunten Bereich soll ein documenta-Kunstwerk entstehen. Und was denken die Passanten?

 „Das gefällt mir richtig gut. Das erinnert mich an die Lavahügel auf Fuerteventura“, sagt Brigitte Schmidt aus Göttingen. Sie steht zusammen mit ihrer Tochter Mara vor dem Erdhügel, der derzeit auf der Karlswiese vor der Orangerie wächst. Eins steht fest: Es handelt sich um ein documenta-Kunstwerk. Der Rest ist streng geheim.

Die Arbeiter hinter dem Bauzaun schweigen. Dazu sind sie verdonnert worden. Das obligatorische documenta-Schweigegelübde macht alles aber noch irgendwie spannender. Wir haben einige Passanten augenzwinkernd nach ihrer Meinung gefragt.

Der Erdhügel und seine Formen gefallen Brigitte Schmidt jedenfalls sehr gut. „Das macht Lust auf die documenta.“ Mara Schmidt fragt sich, ob der Künstler vor Ort ist und die Arbeiten überwacht.

Die Arbeiter hinterm Zaun, die auf einen Haufen Schutt eine Lage Jute, Reisig und nun Erde schaufeln, erzählen auch auf Nachfrage nichts über das Kunstwerk. „Ich sage nichts“, sagt ein Mitarbeiter vom Planungsteam. Im Schnitt werde er derzeit 75 Mal pro Tag gefragt, was er da auf der Wiese mache. „Ich sage dann nur, es wird ein Kinderspielplatz.“

„Ich lasse mich überraschen“, sagt Burkhard Kunze aus Kassel, der mit seinem Rad am Bauzaun steht. Er kann sich vorstellen, dass der Künstler einen Einfall hatte, den er selbst niemals bekommen hätte. Kunze hofft nur, dass dieses naturverbundene Kunstwerk nicht so ein Reinfall wird wie der Reishang unterhalb des Schlosses Wilhelmshöhe vor fünf Jahren bei der documenta 12.

Apropos Natur: In diese Richtung mutmaßen auch Jens Siemon und Kerstin Schulz aus Kassel. „Ich denke, dass wird eine Kräuterspirale für Rosmarin“, sagt Siemon, der von dem Hügel angetan ist. „Mich erinnert das an einen Ameisenhaufen“, sagt Schulz. Sie hoffe nur, dass der „schreckliche Kran“ nicht Bestandteil des Kunstwerks ist, sondern bis zur documenta verschwindet.

Katja Wilhelm aus Kassel hat gelesen, dass das eine Müllhalde werden soll, aus der Blumen wachsen. So richtig kann sich die junge Frau noch nicht mit dem Objekt anfreunden. „Der Blick auf die Orangerie ist weg.“ Aber sie ist optimistisch: „Das ist ja noch nicht fertig, vielleicht wird es ja noch schön.“ Ihr Begleiter Markus Franke lenkt ein, dass der Künstler sich schon etwas dabei gedacht haben wird.

Hannes (23) aus Kassel, der wegen der Geheimhaltungsstrategie der documenta seinen Nachnamen auch nicht nennen will, findet es jedenfalls schön, wenn etwas in der Stadt passiert. Sein Begleiter Thore Jung (23) stellt sich vor, dass aus dem Hügel eine Spiellandschaft für Kinder wird.

Dirk Schuck aus Berlin und Maja Rahmanian aus Frankfurt, die sich in Kassel getroffen haben, haben ebenfalls im Sonnenschein auf der Karlswiese gemeinsam eine Theorie erarbeitet. „Das wird der Maulwurfshügel 12“, sagt Schuck. Daneben kommen noch elf kleinere. „Das ist Konzeptkunst.“

Gibt es so etwas in der Hauptstadt auch? Schuck verneint. „Dafür haben wir kein Geld. In Berlin bilden sich solche Hügel von ganz allein.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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