Prozessauftakt

54-Jähriger soll Kellnerin seiner Gaststätte vergewaltigt haben

Kassel. Hundert Euro. Das, sagt der Angeklagte, habe die junge Frau verlangt. Für Sex. Und auch bekommen von ihm. Hundert Euro, sagt sie, habe er ihr hingeworfen. Als letzte Demütigung, nachdem er sie vergewaltigt habe. Im Hinterzimmer seiner Gaststätte in Niederzwehren, wo sie an jenem Novembertag 2012 erstmals gearbeitet hatte.

Jetzt versucht das Kasseler Landgericht aufzuklären, was sich an jenem Abend um kurz nach Mitternacht wirklich zugetragen hat in dieser Gastwirtschaft.

Auf der Anklagebank sitzt der 54-jährige Wirt und beteuert in wenigen Worten seine Unschuld. Ja, er habe mit der heute 24-Jährigen geschlafen. Aber ohne Gewalt. „Ich hab sie nicht festgehalten, nicht bedroht, um Gottes willen.“ Eigentlich habe er sie nur massieren wollen, wegen ihrer Rückenschmerzen. Dann habe sie ihm jedoch völlig überraschend Sex angeboten, gegen Geld. Er sei auf das Angebot eingegangen, das war’s. „Wir sind in Frieden auseinandergegangen“, sagt er.

In der Anklage klingt das ganz anders: Nachdem der letzte Gast gegangen sei, habe der Wirt alle Fenster und Türen geschlossen und seine neue Kellnerin dann in einen mit Couch und Bett möblierten Büroraum gebeten – unter dem Vorwand, die Abrechnung zu machen.

„Er sagte ihr, es gebe jetzt zwei Möglichkeiten“, trug Staatsanwältin Sandra Petzsche vor. „Entweder sie mache, was er sage, oder sie komme lebend nicht mehr hinaus.“ Worauf sich die junge Frau aus Angst ausgezogen und er sich mehrfach an ihr vergangen habe. Auf ihr Flehen, endlich aufzuhören, soll er nur mit einem kühlen „Halt’s Maul!“ geantwortet haben.

Vor Gericht bricht der 24-Jährigen schon die Stimme, als sie nur ihren Namen sagen soll. Fast zwei Stunden dauert anschließend ihre Vernehmung, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Schlank und attraktiv ist die Frau, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt. Als offen und fröhlich wird sie von ihrer Schwester beschrieben. Bis zu jenem Vorfall. Danach habe sie sich vollkommen zurückgezogen, gehe nicht mehr aus, lasse niemanden mehr teilhaben an ihren Gedanken. „Sie ist komplett in sich seitdem.“ Und sie habe wieder angefangen, sich selbst zu verletzen, wie früher schon einmal in ihrer Jugend.

Noch nie, erzählt die Schwester, habe sie einen Menschen so aufgelöst gesehen wie die 24-Jährige in der Nacht nach dem Vorfall, als sie tränenüberströmt zu Hause gesessen habe. „Sie hatte komplett rote Augen, hat gezittert und geschrien.“

Und auch sieben Monate später ist die junge Frau offenbar immer noch weit davon entfernt, das Erlebnis verarbeitet zu haben, wie ihre Mutter dem Gericht mitteilt: „Meine Tochter kann keine Nacht mehr schlafen.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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