Kein Problem sind die 8,50 Euro

Wirte: Aushilfen fehlen wegen Mindestlohn-Bürokratie

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Stundenweiser Zuverdienst wird schwieriger: Etwa jede zweite Gastronomiekraft im Stadtgebiet arbeitet auf Minijob-Basis.

Kassel. Ein höherer bürokratischer Aufwand im Zusammenhang mit dem Mindestlohngesetz macht Gastwirten und Hoteliers im Raum Kassel zu schaffen.

Die Kritik richtet sich nicht gegen die neue Verdienst-Untergrenze von 8,50 Euro pro Stunde in der Branche, die im Stadtgebiet etwa jede zweite Kraft auf Minijob-Basis beschäftigt. Vielmehr klagen Arbeitgeber, dass ihnen für bestimmte Tätigkeiten wie Familienfest-Bewirtung, Zimmerreinigung und Veranstaltungscatering die Aushilfskräfte ausgehen.

Denn seit Jahresbegin wird streng kontrolliert, dass niemand länger als zehn Stunden am Tag arbeitet. Wirte müssen Arbeitsbeginn, -dauer und -ende genau protokollieren. Wer sich etwa neben einem anderen Halbtagsjob noch etwas als Servicekraft hinzuverdienen will, darf dies nur noch so viele Stunden tun, wie ihm rechnerisch noch bleiben.

Das laufe den Interessen vieler Zuverdiener zuwider und sei vor allem mit Blick auf Hochzeiten und sonstige Familienfeiern lebensfremd, kritisieren Gastronomen. Solche Feste gingen häufig bis in die frühen Morgenstunden. „Wer will denn gegen Mitternacht noch losfahren, um bei uns eine zweite Schicht anzutreten?“, fragt etwa Thomas Nähler. Der Betreiber von Steinernem Schweinchen, Orangerie und Herkules-Terrassen richtet pro Jahr etwa 120 Hochzeitsfeste aus.

Nähler sagt, er zahle auch Minijobbern unter seinen 130 Mitarbeitern „schon seit Jahren 9 Euro netto“. Durch die neuen, starren Arbeitszeitregeln habe er aber zunehmend echte Personalprobleme. „Wir machen schon Aushänge für Spüljobs in den Asylbewerberheimen und versuchen dann, für die Leute eine Arbeitserlaubnis zu bekommen.“

Die Branche sei auf Aushilfen angewiesen, betont auch Herwig Leuk, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes im Raum Kassel. Im Sinne der Gäste müsse es möglich sein, mit einer gewissen Flexibilität arbeiten zu dürfen, fordert er. „Sonst müssen wir den Leuten bei Familienfeiern sagen: So, Feierabend, ihr müsst jetzt nach Hause gehen.“

Selbst Familienangehörige des Gastbetriebs dürften dann nach den Arbeitszeitregeln nicht aushelfen, wenn sie zuvor schon eine gewisse Stundenzahl in der Küche gestanden hätten, sagt Leuk. Die Bürokratie sei vor allem für kleinere Betriebe ein Problem: „Wir haben bereits Dokumentationspflichten ohne Ende, und es kommt immer Neues hinzu.“ Was dem Dehoga-Vorsitzenden nicht gefällt, ist, „dass unsere Branche ständig in eine schlechte Ecke gestellt wird“. Schwarze Schafe gebe es überall. „Doch wir haben sehr viele Kollegen, die zum Beispiel großen Wert auf eine gute Ausbildung legen“, sagt Leuk. Es sei schlicht ungerecht, der Gastronomie insgesamt Gaunerei zu unterstellen.

Genauso sieht es ein Branchen-Insider, der sich mit seinem renommierten Betrieb zu den neuen Arbeitszeit- und Entlohnungsregeln bekennt. Er weiß aber auch, dass es in Kassel „einige Kollegen gibt, die das Thema komplett ignorieren und auf dem Papier die rechtlich zulässige Stundenzahl aufschreiben lassen“.

Die Gastronomiegewerkschaft NGG weist die Kritik der Arbeitgeber zurück. Regionalgeschäftsführer Andreas Kampmann sagte auf Anfrage der HNA, die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung sei schließlich nicht neu. Sie stehe schon länger im Arbeitszeitgesetz, werde jetzt nur strikter vom Zoll kontrolliert. Kampmann: „Es ist mir unbegreiflich, dass eine Branche, die weitgehend mit elektronischen Registrierungssystemen arbeitet, dabei nun vor angeblich unlösbaren Aufgaben stehen will.“ Es sei vielmehr davon auszugehen, dass gegen die Vorgaben „jahrelang wissentlich verstoßen“ worden sei. Etliche Gastronomen hätten ihre Personalplanung übermäßig auf Minijobber ausgerichtet und damit „ein Stück weit Legalisierung von Schwarzarbeit“ betrieben. Wer seriös arbeite und sein Geschäft verstehe, werde die neuen Regeln auch einhalten können. Schwierig werde es allenfalls für Einzelne, die bisher bewusst gemogelt hätten.

Stichwort: Arbeitszeiterfassung

Die Arbeitszeiterfassung soll verhindern, dass Arbeitgeber den Mindestlohn durch unbezahlte Überstunden umgehen. Rechnet man den Mindestlohn von 8,50 Euro auf eine 40-Stunden-Woche hoch, ergibt sich ein Monatslohn von etwa 1400 Euro. Dennoch schreibt der Gesetzgeber vor, dass für alle Mitarbeiter, die bis zu 2958 Euro im Monat verdienen, die Arbeitszeit dokumentiert werden muss. Gastronomie-Funktionäre fordern, diese Grenze zu senken.

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