Dieser Beruf hat es in sich

Fensterputzer bei der Arbeit: Wischen in 50 Metern Höhe

Fensterputzer haben laut Versicherungen einen der gefährlichsten Jobs der Welt, ebenso wie Dachdecker, Tiefbauer und Maurer. HNA-Mitarbeiter Mirko Konrad hat Fensterputzer in schwindelerregender Höhe am 14 Stockwerke hohen Ramada-Hotel in Kassel bei der Arbeit begleitet.

Kassel. Hans-Dieter Stark steuert den Fahrkorb noch etwas unsicher. Der schwankt im Wind über dem 14. Stock in mehr als 50 Metern Höhe hin und her. Kein gutes Gefühl. Der Korb ist mit Seilen an einem Kran auf dem Dach des Ramada-Hotels Kassel montiert. Zwei Personen hält er angeblich aus, maximal 200 Kilogramm.

Für den 53-jährigen Fensterputzer ist das Arbeiten in solchen Höhen Routine. Seit 30 Jahren macht er das. Mir zittern die Knie. Dass ich mit Gurt und Seil gesichert bin, beruhigt mich nicht. Fensterputzen an Außenfassaden zählt zu den gefährlichsten Jobs der Welt.

Haustechniker Wolfgang Marks hatte Stark zuvor die Bedienung des Fahrkorbs erklärt. Doch dafür braucht es Übung. Der Korb ruckelt. „Oh, falscher Knopf“, sagt er. Dann geht‘s abwärts. Vorbei an der Wellness-Etage des Hotels, wo ich jetzt viel lieber wäre. Im Stock darunter winkt uns aus dem Konferenzraum eine handvoll Männer im Anzug zu. Stark: „Das machen die Leute oft.“

Halt im 13. Stock

169 Zimmer mit Fensterfronten hat das Hotel, hinzu kommen Lobby und Verwaltungstrakt. Zwei bis drei Tage brauchen die Fensterputzer je nach Besetzung, um alle Fenster innen und außen sauber zu machen. Jedes Vierteljahr steht eine solche Gesamtreinigung an. Zurzeit ist Hans-Dieter Stark mit seinem Kollegen Ralf Maring (52) allein. Der putzt die Fenster des Verwaltungstraktes. Die erreicht er vom Boden aus mit dem Steiger, einem Fahrzeug mit ausfahrbarem Korb.

An der Fassade stoppt der Korb an der 13. Etage. Vom Dach aus gibt Haustechniker Marks Anweisungen: „Etwas nach rechts und näher an die Fassade.“ Der Korb fährt nach links, stoppt, schwankt hin her. „Falscher Knopf.“ Ich halte mich krampfhaft am Korb fest. „Die Aussicht von hier oben ist toll“, sagt Stark. Ja, wenn der Korb nur nicht so wackeln würde.

Seit etwa sieben Jahren arbeitet der Fensterputzer für das Unternehmen „Lenz Glasreinigung“ in Hannover. Im Umkreis von 350 Kilometern sind die Fensterputzer in Einsatz. Man komme viel herum und arbeite immer an der frischen Luft. Das mag er. Zwölf Euro verdient er pro Stunde. Das ist mehr als der Tariflohn , der liegt bei etwa elfeinhalb Euro.

„An Höhe gewöhnt man sich“

„An die Höhe gewöhnt man sich.“ Er versucht, mich zu beruhigen. Sein erster Einsatz war an einem Haus mit 22 Etagen. „Obwohl ich schwindelfrei bin, hatte ich weiche Knie“, erzählt er, taucht den Wischer ins Spülwasser und beginnt zu putzen. Jetzt noch abziehen, fertig. Ich bin an der Reihe. Meine Hände zittern. Mit einer Hand wische ich, mit den anderen halte ich mich am Rand des Fensters fest. Abziehen, fertig? Nein, an der oberen Ecke ist noch Schaum. Also nochmal. Jetzt ist Stark zufrieden.

Richtig gefährliche Situationen hat er selbst noch nicht erlebt. Darüber denke er auch nicht nach. „Wenn ich das tun würde, könnte ich den Job gleich hinschmeißen“, sagt er. Dann erzählt er, dass ein ehemaliger Vorarbeiter mal aus dem Korb eines Steigers aus 13 Metern Höhe gefallen ist - tot.

Mir reicht´s. Bitte wieder nach oben. Stark lächelt: „Kein Problem.“ Der Korb fährt nach unten, ruckelt. „Oh, falscher Knopf.“ Dann geht‘s endlich rauf.

Ein Blick über Kassel und den Vorderen Westen

Was sieht man eigentlich alles, wenn in fremde Fenster schaut? „Viel“, sagt Stark. Mehr will er nicht verraten. Nicht ohne Grund dürften Fensterputzer erst ab 9 Uhr morgens mit der Arbeit beginnen.

Die Fahrt nach oben kommt mir endlos vor. Dann schwebt der Korb endlich wieder über dem Dach. Als ich aussteige zittern meine Knie. Aber ich bin froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Stark nutzt die Zeit für eine kurze Pause. Dann geht es wieder an die Fassade zum Putzen der restlichen Fenster.

Von Mirko Konrad

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