"Das Rechtsradikale fängt da an, wo es einen Mordgedanken gibt"

Wissenschaftler über mordende Nazis: „Der Kern ihrer Aktion ist Angst“

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Stephan Ernst (links), mutmaßlicher Mörder von Walter Lübcke. 

Warum werden aus Nazis Mörder? Und warum gehen viele von ihnen in die Muckibude? Wissenschaftler Klaus Theweleit erklärt die Persönlichkeit von Rechtsterroristen - und was die AfD damit zu tun hat.

Der Freiburger Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Persönlichkeitsstruktur von Rechtsterroristen. Über mordende Neonazis spricht der 77-Jährige, der einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen ist, an diesem Donnerstag (19 Uhr) im Café Buch-Oase unter dem Titel „Die Mörder sind unter uns“.

Nach allem, was man weiß, tötete der Neonazi Stephan Ernst den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke aus Widerstand gegen die Flüchtlingspolitik. Schon der norwegische Attentäter Anders Breivik erklärte seinen Mord an 77 Menschen 2012 als Akt der Notwehr gegen Zuwanderer. Inwiefern ist solch eine Logik aus Sicht der Rechtsradikalen nachvollziehbar?

Das ist ein ganz typisches Argumentationsmuster von Leuten, die töten wollen. Ihre angeblich politischen Gründe sind oft nur vorgeschoben. Für diesen Typ ist es wichtig, dass er nicht die Verantwortung für seine Taten tragen muss. Die Killer killen immer für eine übergeordnete Macht – für das Vaterland, für den Führer, für die weiße Rasse. Auf die Argumentation muss man nichts geben. Die kann sich an 1000 Ecken widersprechen. Wir wissen etwa, dass der Hass auf Flüchtlinge dort besonders groß ist, wo es gar keine gibt.

Schon in den 70er-Jahren haben Sie in Ihrem Buch „Männerfantasien“ faschistische Männlichkeit analysiert. Warum gibt es kaum weibliche Neonazis?

Weil diese Verhaltensstruktur typisch männlich ist. Seit mehr als 10 000 Jahren gibt es diese Sorte Krieger. Alles Kriegerische ist damals in Männerhände geraten, während die Frauen mit Ackerbau und Viehzucht sowie der Erziehung der Kinder beschäftigt waren. Und obwohl es längst auch Soldatinnen gibt, existiert bis heute keine weibliche Terrorkultur. Das ist dem Mann vorbehalten.

Rechtsradikale gibt es in jeder Gesellschaft. Warum werden Sie zu Mördern?

Das Rechtsradikale fängt für mich da an, wo es einen Mordgedanken gibt. Politisch rechts oder konservativ sein ist für mich etwas ganz anderes. Bei allen rechten Mördern erkennt man, dass es einen Entschluss zum Töten gibt. Es gibt auch AfD-Politiker, die sagen: „Die Fremden müssen weg.“ Darin steckt meiner Ansicht nach eine Morderlaubnis. Dass sie es nicht tun, heißt nur: Sie sind im Moment nicht in der Lage dazu. Aber wenn sie die Macht hätten, würden sie so vorgehen.

Das hieße, dass Teile der AfD rechtsradikal sind.

Absolut, das sind Nazis. Und nicht nur die. Es gibt Leute, die das Leben nur aushalten können, indem sie sagen: „Die und die müssen weg.“ Diese Menschen kann es sogar in der Linken geben.

Wie schon Anders Breivik halten sich auch viele andere Nazis im Kraftstudio fit. Welche Bedeutung hat es für Rechtsextreme, ihren Körper durch Bodybuilding aufzupumpen?

Der männliche Körper wurde in Deutschland bis 1945 überwiegend militärisch hergestellt. Leute wie etwa die Freikorps-Soldaten haben den Drill geliebt, weil er ihnen einen neuen Körper beschert hat. In der Regel haben sie Erfahrungen mit negativen Behandlungen in der Kindheit gemacht. Sie wurden misshandelt und verprügelt. Ein Körper, der negativ behandelt wurde, entwickelt keine positive Besetzung seiner Außengrenzen. Er fühlt sich immer von psychischen Zusammenbrüchen bedroht. 

Die Landesgrenzen werden dann mit den eigenen Körpergrenzen gleichgesetzt. Wenn Fremde einströmen, fühlt dieser Typ sich körperlich bedroht. Daher kommt die Notwehr-Argumentation, dass man sich wehren müsse. So ist auch „Heil Hitler“ zu verstehen. Der Körper musste wieder heil gemacht werden. Da das Militär diese Funktion heute nicht mehr hat, gehen diese Männer in die Muckibude – aber nicht um abzunehmen, sondern um ein paar Pfunde draufzupacken.

Politische Radikalität ist demnach auch eine Folge von psychischen Verletzungen und Missbrauch in der Kindheit?

Immer. Körper, die einigermaßen freundlich behandelt wurden, entwickeln so etwas nicht. Diese Menschen können Hassfantasien entwickeln, aber sie greifen nicht zur Waffe. Bei Mördern fehlt der grundlegende Respekt vor der Körperlichkeit des anderen. Der Kern ihrer Aktion ist Angst. Irgendwer muss dann dafür herhalten – ob Fremde, Schwarze oder Juden. Stabilität finden diese Menschen in der Gewalt.

Wie kann man weitere Morde verhindern?

Wenn jemand so eine Tat von langer Hand plant, kann nur ein glücklicher Zufall verhindern, dass es gelingt. Ansonsten bleibt einem nichts anderes übrig, als mit anderen Menschen zu reden. Wenn der Nachbar AfD wählt, bringt es nichts zu sagen: „Mit dem Arschloch will ich nichts mehr zu tun haben.“ Man muss solchen Menschen das Gefühl geben, zur Gesellschaft zu gehören. Dann entwickeln sie keine Mordideen.

Aber kann man einen Neonazi wie Stephan Ernst am Gartenzaun vom Grundgesetz überzeugen?

Nein, die Erfahrungen von rechten Aussteigern zeigen, dass sich solche Menschen nur durch Beziehungen ändern – zum Beispiel durch neue Kumpel oder eine neue Freundin. Freundschaftsbeziehungen sind ganz wichtig. Das sieht man auch bei Leuten, die aus Europa zum IS gehen. Sie haben meist hier ihre Freundschaften verloren und finden unter Radikalen neue. Leute verändern sich durch Beziehungen und nicht durch Ideen.

Sie sagen, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei eine Art Sozialdemokratin geworden, weswegen sich der rechte Rand, den die Union einst an sich gebunden hatte, dort nicht mehr heimisch fühlt. Muss die CDU wieder konservativer werden?

Es gibt Teile der Union, die genau das fordern. Politiker wie Franz Josef Strauß haben einst gesagt: „Wir müssen so weit rechts sein, dass Republikaner, DVU und andere keine Chance haben.“ Das hat auch geklappt bis zur AfD. Nun ist von einem Rechtsruck der Gesellschaft die Rede. Diese Meinung teile ich nicht. Die Hauptbewegung ist ein Sozialdemokratismus, der mehr oder weniger alle Parteien betrifft. Die Grünen sind heute die besseren Sozialdemokraten, deswegen liegen sie vor der SPD. Und auch viele Teile der CDU verhalten sich heute sozialdemokratisch. Wieso sollte man da noch SPD wählen?

Wünschen Sie sich wieder mehr Polarisierung?

Nein, es muss eine parteiübergreifende Entschlusskultur geben gegen weltweite Entwicklungen wie den Klimawandel. Ich bin nicht für Polarisierung. Der Sozialdemokratismus sollte sich überall ausbreiten. Dann bekommt man vernünftige Ideen. 

Klaus Theweleit: „Die Mörder sind unter uns.“ Vortrag am Donnerstag, 19 Uhr, Café Buch-Oase, Germanistr. 12. Anmeldungen: g-platner@gmx.de

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