Stadt hat 400 Schilder mit Hinweisen ergänzt

Wölfe heulten hier nie: Straßennamen und ihre Bedeutung

Hat mit Tieren nichts zu tun: Die Wolfsschlucht in der Innenstadt ist nach dem Architekten Johann Heinrich Wolff benannt, der die ersten Häuser an dieser Straße errichtete. Fotos: Zgoll, Archiv

Kassel. Die Stadt Kassel hat seit 2009 an 395 Straßen Zusatzschilder angebracht, die über den Namensgeber der Straße informieren. Nun ist das Projekt abgeschlossen. Wir geben einen Überblick: Wer steckt hinter den Namen, welche Irrtümer und Geheimnisse halten Straßennamen bereit?

Am Anfang gab es in Kassel nur Hausnummern. Erst im 16. Jahrhundert wurde in der Stadt damit begonnen, Straßennamen zu vergeben. Zunächst hatten nur die Straßen einen Namen, die aus der Stadt hinausführten: Leipziger Straße, Holländische Straße, Kölnische Straße - sie alle geben Fernziele an, die die Kasseler seinerzeit in dieser Richtung über Handelswege erreichten.

In einer zweiten Phase wurden immer mehr Straßen nach Berufsgruppen bezeichnet, die dort ansässig waren (Müllergasse). Erst später wurden auch Persönlichkeiten mit Straßennamen geehrt.

Die ältesten Namensgeber wurden meist nur mit Vornamen als Straßenbezeichnung verewigt (Martinsplatz, Karolinenstraße, Franzstraße), in den späteren Jahren mit Nachnamen (Goethestraße, Schillerstraße) und in jüngster Vergangenheit mit vollem Namen (Rudolf-Schwander-Straße).

1387 Straßen in Kassel

Für diese personenbezogenen Straßennamen sind seit 2009 und dank einer Spende der Kasseler Bank Zusatzschilder erstellt worden. Von den 1387 Kasseler Straßen sind 508 nach Persönlichkeiten benannt - ungefähr ein Drittel nach Kasselern. Knapp 80 Schilder waren schon in den 1990er-Jahren durch Zusatztexte ergänzt worden, weitere 395 kamen nun in den vergangenen vier Jahren hinzu. Nach Abschluss des Projekts gibt es aber noch 25 Benennungen, die trotz langwieriger Recherche keiner eindeutigen Herkunft zugeordnet werden konnten. Ein Problem ist, dass im Krieg viele Dokumente vernichtet wurden.

Das Fachamt Vermessung und Geoinformation und das Stadtarchiv, die für das Projekt zusammenarbeiteten, haben Interessantes und Kurioses zur Bedeutung der Straßennamen zusammengetragen: www.stadt-kassel.de/stadtplan/strassenverzeichnis

Interesse: Seidenes Strümpfchen

Einige der Kasseler Straßennamen offenbaren eine überraschende oder interessante Herkunft. Hier ein paar Beispiele:

• Wolfsschlucht: Heulende Wölfe haben sich nie in dieser Schlucht herumgetrieben. Der Name geht auf Johann Heinrich Wolff (1792-1869) zurück, den Architekten und Erbauer der ersten Häuser an dieser Straße.

• Adolfstraße: Die Straßenbezeichnung ist keinesfalls ein Überbleibsel des Führerkults, dessen Beseitigung nach dem Krieg vergessen wurde. Der Name bezieht sich nachweisbar auf einen Wehlheider Bürger des 19. Jahrhunderts.

• Henner-Piffendeckel-Platz und Scheidemannplatz: Kassels ehemaliger Oberbürgermeister Philipp Scheidemann (1865-1939) wird gleich zweimal geehrt. Einmal mit seinem Mundartdichter-Pseudonym.

• Seidenes Strümpfchen: Vermutlich arbeiteten in dieser Gasse einst Huren. Wolfgang Schmidt vom Amt für Vermessung und Geoinformation sagt, es handelte sich wohl um ein „zwielichtiges Umfeld“.

Die Klassiker: Nur mit Vornamen

Hier eine Auswahl klassischer Kasseler Straßennamen und ihre Herkunft:

• Friedrichsplatz: Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (1720-1785), der von 1760 bis 1785 regierte. In der Umbenennungswelle der Nachkriegszeit wollte die Stadt den Platz in Friedrich-Ebert-Platz ändern. Die amerikanische Militärregierung verweigerte dies.

• Karolinenstraße: Karoline von Hessen (1799-1854), Kurprinzessin und Tochter von Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel.

• Landgraf-Philipps-Platz: Landgraf Philipp von Hessen (1504-1567), Regent der Landgrafenschaft Kassel von 1518 bis 1567.

• Martinsplatz: Martin von Tours (316-397), Bischof von Tours und Heiliger der katholischen Kirche.

Aufgedeckte Irrtümer: Bier statt Bürgermeister

Bei einigen Straßennamen waren die Historiker lange Zeit von einer anderen Herkunft ausgegangen. Hier eine Auswahl:

• Sternstraße: Ursprünglich nahm man an, die Straße sei nach dem Kasseler Bürgermeister Caspar Heinrich Ludwig Stern (1813-1822) benannt. Das Stadtarchiv fand heraus, dass die Straße den Namen wegen eines früher dort ansässigen Wirtshauses („Zum Stern“) erhielt. Der Platz „Am Stern“ hat seine Bezeichnung übrigens erst 1987 offiziell bekommen. Vorher trug nur die dortige Haltestelle diesen Namen wegen des Gleiskreuzes.

• Breithauptstraße: Es war vermutet worden, die Straße sei nach dem Fabrikanten geodätischer Instrumente, Friedrich-Wilhelm -Breithaupt, benannt. Tatsächlich trägt sie den Namen wegen des Offiziers und Erfinders Wilhelm Ritter von Breithaupt (1809-1889).

• Gerstäckerstraße: Geehrt wird der Reise- und Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker (1816-1872). Zunächst nahm man an, die Straße sei nach Carl-Friedrich Gerstäcker benannt, einem früheren Opernsänger und Schauspieler des Kasseler Hoftheaters.

• Otto-Braun-Straße: Die Straße ist nicht - wie lange vermutet - nach dem Chemiker und Politiker Dr. Otto Braun benannt, sondern nach dem gleichnamigen preußischen Ministerpräsidenten (1872-1955).

Familie geehrt: Vorderer Westen

Der Gründer des Stadtteils Vorderer Westen, der Fabrikant Sigmund Aschrott (1826-1915), verewigte in den dortigen Straßennamen seine Familie. • Annastraße: Ehefrau Anna Aschrott (1833-1890) • Olgastraße: Tochter des Stadtteilgründers, Olga Mengers (1869-1948) • Reginastraße: Regina Aschrott (1799-1886), Mutter von Sigmund Aschrott.

Ungeklärte Fälle: 25 Namen offen

Bei folgenden Straßennamen konnte das Stadtarchiv die Herkunft nicht zweifelsfrei klären. Oft gibt es mehrere Erklärungen. Die Stadt bittet um Hinweise aus der Bevölkerung:

• Amalienstraße, Backmeisterweg, Berneburgstraße, Eckhardsborn, Emilienstraße, Franzgraben, Haroldplatz, Haroldstraße, Hausmannstraße, Hermannstraße, Jakobsgasse, Johannesstraße, Josephstraße, Knaustwiesen, Lambertweg, Marienstraße, Richardweg, Rieckstraße, Rolandstraße, Siebertweg, Sophienstraße, Tapsgasse, Waldmannstraße, Weidlingstraße, Wendelstadtstraße.

Weitere Kasseler Namensgeber

Ritt durch Geschichte: Hier ein Abriss einiger Straßennamen, die auf Persönlichkeiten zurückgehen, die zumindest zeitweise in Kassel lebten:

• Luisenstraße: Gräfin Louise Bose (1813-1883), Reichsgräfin und Tochter von Kurfürst Wilhelm II. von Hessen-Kassel.

• Sodensternstraße: Jeanette Margarete von Sodenstern (1810-1885), Gründerin einer Stiftung für Hilfsbedürftige.

• Nahlstraße: Nach der Kasseler Künstlerfamilie (Bildhauer und Maler) Nahl benannt, die im 18. und 19. Jahrhundert wirkte.

• Papinplatz: Denis Papin (1647-1712), Wegbereiter der Dampfmaschine.

• Baumbachstraße: Nach der zur althessischen Ritterschaft gehörenden Familie von Baumbach benannt. Weitere so benannte Straßen: Geysostraße, Gilsastraße, Berlepschstraße, Malsburgstraße, Pappenheimstraße.

• Heinemannstraße: Dr. Theodor Heinemann (1850-1934), Begründer des Kasseler Gesundheitsamtes.

• Mergellstraße: Karl Ludwig Mergell (1820-1893), Oberforstmeister aus Kirchditmold.

• Lenoirstraße: George Andrè Lenoir (1825-1909), Chemiker, Physiker und Gründer einer Stiftung für Waisenkinder.

• Rainer-Dierichs-Platz (1939-2007), Verleger und Herausgeber der HNA.

• Felix-Blumenfeld-Straße: Felix Blumenfeld (1873-1942), erster leitender Arzt am Kinderkrankenhaus Park Schönfeld. Als Jude wurde er mit Beginn der Nazi-Herrschaft verfolgt und nahm sich 1942 das Leben.

Von Bastian Ludwig

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