Seltener Blick zurück

Historische Aufnahmen: So lebte man vor 100 Jahren in Kassel

Kassel. Wer historische Bilder von Kassel sucht, findet fast nur Außenaufnahmen. Doch wir sind auf Bilder gestoßen, die zeigen, wie man vor 100 Jahren in Kassel wohnte.

Nur selten sind Innenaufnahmen von Wohnhäusern erhalten, die Einblicke in das damalige Leben geben. Einige Fotos gibt es aber doch. Sie zeigen die teils großen Komfort-Unterschiede.

Der Kasseler Friedrich Forssman hat ein großes Privatarchiv mit Hunderten Fotos von Kassel, wie es sich um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert präsentierte. Und das Stadtarchiv hat gar Tausende Aufnahmen vom historischen Kassel. In beiden Archiven gibt es aber nur eine Handvoll Fotos, die zeigen, wie die Menschen damals lebten.

Ein Grund dafür mag sein, dass die Kameratechnik noch nicht gut genug war, um in schlecht beleuchteten Räumen zu fotografieren. Sicherlich spielte es aber auch eine Rolle, dass die Wohnung und das Mobiliar – nicht anders als heute – für etwas Selbstverständliches gehalten wurde, das keines Fotos wert gewesen sei, sagt Forssman. Der Kasseler Architekturhistoriker Christian Presche erläutert, wie sich das Wohnen in Kassel über die Jahrhunderte veränderte und wie sich die Bevölkerungsschichten immer stärker in einzelnen Vierteln separierten.

Altstadt

In der 1943 zerstörten Altstadt lebten die unterschiedlichen Kasseler Bevölkerungsschichten bis ins 18./ 19. Jahrhundert dicht beieinander, sagt Presche. Der Wert der Häuser lag zwischen 80 und 4000 Talern. Das prächtigste Wohngebäude sei das Dörnbergsche Haus gegenüber der Martinskirche gewesen, von dem heute nur noch das Portal steht. Bis ins 17. Jahrhundert galt meist die Regel: ein Haus, eine Familie – die mit mehreren Generationen unter einem Dach lebte. Erst ab dem 18. Jahrhundert sei verstärkt vermietet worden. Die Wohnungen hätten bis ins 18. Jahrhundert keine Flure gehabt. „Man kam vom Treppenhaus direkt in den ersten Raum“, sagt Presche. Ab 1880 verwahrloste die Altstadt zusehends. Es gab Pläne für einen beinahe Totalabriss, weshalb viele Eigentümer nicht mehr investierten. „Es gab Berichte über Wanzen hinter den Tapeten, Kleinkinder, die von Ratten angefressen wurden, und einsturzgefährdete Treppen“, so Presche. In die Altstadt sei verstärkt die Landbevölkerung gezogen, die in der Stadt Arbeit suchte. „An diese Menschen wurden solche Löcher vermietet.“ Als der Totalabriss der Altstadt vom Tisch war, wurden die Häuser (vorwiegend Fachwerk) ab 1920 saniert.

Oberneustadt

Mit der Überbevölkerung der Altstadt wurde die ab dem späten 17. Jahrhundert erschlossene Oberneustadt immer wichtiger. Nach und nach seien viele Geschäftsleute und Wohlhabende von der Altstadt in die Oberneustadt (Königsstraße / Obere Karlsstraße) umgezogen, sagt Presche.

Vorderer Westen und Wilhelmshöhe

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts separierte sich die Bevölkerung immer stärker. Mit dem Ende des Kurfürstentums 1866 gab es einen Aufschwung beim Wohnungsbau. Der letzte Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte Baugenehmigungen oft lange verzögert. Das gehobene Bürgertum und Wohlhabende ließen sich im neu entstehenden Stadtteil Vorderer Westen und in Wilhelmshöhe nieder. Die repräsentativen Räume (Salon / Herrenzimmer) befanden sich zur Straße hin. „Die Leute wollten was zu gucken haben“, sagt Presche. Das gehobene Publikum wohnte, je nach Geldbeutel, in drei abgestuften Haustypen:

1. Dem Mietshaus mit großbürgerlichen Wohnungen, die nicht selten 200 Quadratmeter groß waren. Meist gab es ein separates Treppenhaus, damit angelieferte Lebensmittel nicht durch die Wohnung, sondern direkt in die Küche gebracht werden konnten.

2. Das Villen-Reihenhaus, das von einer Familie bewohnt wurde. Das Dienstpersonal lebte unter dem Dach.

3. Die frei stehende Villa: Davon sind bis heute die meisten am Mulang erhalten. Aber es gab weitere erstklassige Villengegenden in Kassel wie auf dem Weinberg, auf dem Möncheberg und an der Kölnischen Straße. Mehrere Villen wurden später umfunktioniert. Gerade wenn die zweite Generation nicht mehr das nötige Geld hatte, wurden aus den ehemaligen Villen häufig Töchterwohnheime oder Pensionen.

So wohnte man vor 100 Jahren in Kassel

Mondänes Wohnen: Dieses Foto von 1913 zeigt die gute Stube der sogenannten Villa Henkel an der Kurhausstraße am Kasseler Mulang. Die Villa wurde 1890 vom Fabrikanten Gustav Henkel erbaut und hat den Krieg weitestgehend überstanden. © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv
Aufnahme aus dem Jahr 1910: Das Bild entstand in einer Villa an der Schlossteichstraße (Mulang). Das Haus wurde dann später als Hausfrauenschule genutzt. © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv
So sah es Ende des 19 Jahrhunderts aus: Dieses Foto zeigt eine Kasseler Wohnung mit Jesus-Figur. © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv
Der prunkvolle Salon: Dieses Foto von 1913 mit einem reich geschmücktem Christbaum entstand ebenfalls in der Villa Henkel. © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv
Impressionen aus den 1930er-Jahren: Die Wohnungseinrichtung des früheren Kasseler Theaterfotografen Max Nehrdich an der Querallee. © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv
Die Armut als Kontrast: Dieses Foto zeigt die primitiven Verhältnisse in einigen Wohnungen der Kasseler Altstadt. © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv
Ziemlich gut ausgestattet: Das Bild stammt aus dem Wohnhaus einer Adelsfamilie an der Lassallestraße (früher hieß sie Eulenburgstraße). © Aus dem Buch: „Kassel 1850 bis heute. Fotografie in Kassel“/ privat / Stadtarchiv

Leseraufruf

Liebe Leser, wir brauchen ihre Hilfe. In den Archiven gibt es kaum Fotos, die zeigen, wie Kassels Wohnungen vor 100 Jahren aussahen. Haben Sie Fotos? Dann bitte an: kassel@hna.de oder HNA, Lokalredaktion Kassel, Frankfurter Str. 168, 34121 Kassel.

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