Zusätzliche Belastung für die Umwelt

Kassenbons landen oft im Müll: Das sagen die Kasseler zur Einführung der Bonpflicht

Bei jedem Einkauf wird seit dem Jahresbeginn ein Beleg gedruckt und dem Kunden angeboten, ob der will oder nicht. Wir haben in Kassel nachgefragt, wie es bisher läuft.

  • Seit diesem Jahr müssen im Einzelhandel die Kassen gegen Manipulation durch die Einführung der Kassenbon-Pflicht gesichert werden. 
  • Besonders bei kleineren Betrieben klagen die Händler über eine zusätzliche bürokratische und finanzielle Belastung.
  • Nur vereinzelt nehmen die Kunden den Kassenzettel mit, denn die meisten Belege werden entsorgt.

Das ist auch in der Handwerksbäckerei Hanke im Kasseler Stadtteil Wolfsanger der Fall. Grund dafür ist die seit Januar geltendeKassenbonpflicht. Die gilt bundesweit für alle Händler mit elektronischen Kassensystemen und soll dazu beitragen, dass Betriebe ihr eingenommenes Geld ordnungsgemäß versteuern.

Bonpflicht in Kassel: Das sagen die Händler dazu 

Besonders Händler, die bei Verkäufen regelmäßig Kleinbeträge einnehmen, beklagen eine zusätzliche Belastung bei vermeintlich geringem Nutzen. Wir haben uns bei Händlern und Kunden in Kassel umgehört, welche Erfahrungen sie seit der Kassenbon-Pflicht schon gemacht haben.

Am Kassensystem in der Bäckerei Hanke sei zum Jahreswechsel nichts umgestellt worden, berichtet Kerstin Hanke, die den Betrieb zusammen mit ihrem Mann führt. Für die Kolleginnen im Verkauf fällt jetzt aber jedes Mal ein weiterer Arbeitsschritt an, weil der Bon nicht automatisch gedruckt wird. „Ich habe das auch schon zwei oder drei Mal vergessen“, sagt Hanke. Mit der Zeit werde der zusätzliche Ausdruck aber zur Routine.

Bonpflicht: Die meisten Kunden entsorgen die Kassenzettel

Weil aber nur vereinzelte Kunden den Beleg mitnehmen wollen, werden die meisten Bons entsorgt. „Mir blutet das Herz, wenn ich den Bon in den Müll schmeißen muss“, sagt Hanke. Sie ärgere sich besonders über den zusätzlichen Müll. Der Betrieb hofft darauf, von der Bonpflicht befreit zu werden. Mit Unterstützung der Innung habe die Bäckerei beim Finanzamt dazu einen Antrag gestellt.

Auch Kioske sind von neuer Kassenbon-Pflicht betroffen

Im „Laden 39,5“ in der Gottschalkstraße arbeitet Selda Durduoglu. Die Kassenbons landen bei ihr alle im Papierkorb. Kein Kunde habe bisher einen Bon mitnehmen wollen.

Aber nicht nur Bäckereien sind von der neuen Regelung betroffen. „Bei uns verlief die Umstellung automatisch“, sagt Selda Durduoglu. Sie arbeitet im „Laden 39,5“, einem Kiosk in der Gottschalkstraße in der Nähe der Universität. Bereits seit November sei das elektronische Kassensystem hier umgestellt. Zufrieden ist sie mit der Neuregelung aber nicht. „Keiner will den Kassenbon haben“, sagt Durduoglu. Seit der Umstellung habe sie während ihrer Schichten im Kiosk nicht ein einziges Mal erlebt, dass Kunden den Bon mitgenommen hätten.

Bonpflicht: Papierkorb ist zweimal am Tag mit Kassenbons gefüllt

Im „Laden 39,5“ sammelt sie die Belege nun in einem Papierkorb. Zweimal am Tag ist der bis oben mit Kassenbons gefüllt, die im Restmüll entsorgt werden. Die beiden Stammkunden Ismail Ayran und Kamil Özyurek können der neuen Regelung nichts abgewinnen. „Völliger Schwachsinn“, findet Ayran. Einen Kassenbon für seinen Einkauf benötige er nie.

Auch Detlef Kress, der seit 36 Jahren den Kiosk am Königsplatz betreibt, hat seine Kasse zum Jahreswechsel umgestellt. „Per Fernwartung hat der Kassenbetreiber ein Update eingespielt“, sagt er. Jetzt druckt auch seine Kasse bei jedem Verkauf den gesetzlich vorgeschriebenen Beleg. Mehrere Rollen pro Tag verbraucht er nun. Kress: „Heute habe ich bereits zweimal neue Rollen geholt.“

Bäckerei-Chef beantragt Befreiung von Bonpflicht

Im Cappadocia Backparadies an der Weserspitze geht man einen anderen Weg. „Um ehrlich zu sein, haben wir noch nicht umgestellt“, sagt Bäckerei-Chef Cetin Özdemir. In Absprache mit seinem Steuerberater habe er beim Finanzamt Kassel einen Antrag auf Befreiung von der Bonpflicht eingereicht. Sein Argument: Durch zusätzliche Verzögerungen beim Verkauf zu Stoßzeiten könnte er Kunden verlieren.

„Vielleicht 50 Prozent“, seien die Chancen, dass er von der Bonpflicht befreit wird, schätzt er. Özdemir ärgert sich, dass die Regelung insbesondere kleine Betriebe wie seinen treffe: „Die Leute, die dafür verantwortlich sind, denken nicht daran, wie es ist, einen eigenen Laden zu führen.“

Kassenbon-Plicht für Einzelhändler

Mit dem im Dezember 2016 verabschiedeten Kassengesetz erfolgte die Einführung von neuen Aufzeichnungsregeln für elektronische Kassensysteme. So müssen ab diesem Jahr alle elektronischen Registrierkassen im Einzelhandel technisch gegen Manipulationen gesichert sein. Außerdem müssen Händler nun immer einen Kassenbon ausdrucken, damit bei einer Prüfung durch das Finanzamt nachträgliche Manipulationen der Kasse einfacher nachvollzogen werden können. 

Damit soll verhindert werden, dass Einnahmen am Fiskus vorbeifließen. Insbesondere kleinere Betriebe beklagen eine zusätzliche bürokratische und finanzielle Belastung. Daneben entsteht eine zusätzliche Umweltbelastung durch den erhöhten Verbrauch von nicht recycelbarem Thermopapier.

Händler sind von neuer Kassenbon-Pflicht genervt

Auch in Fritzlar-Homberg sind Bäckereien und Imbissbuden von der Kassenbon-Pflicht betroffen. Viele Händler sind genervt von dem neuen Gesetz. Die meisten Kunden entsorgen die Belege direkt im Müll.

In Hofgeismar landen ebenfalls die meisten Kassenbons im Müll. Viele Kunden stört die zusätzliche Produktion von Abfall.

Das Landesamt für Steuern in Hannover erklärt, dass dieBonpflicht gegen den milliardenschweren Steuerbetrug hilft. Dabei haben bereits die meisten EU-Länder seit Jahren eine Bonpflicht.

Rubriklistenbild: © Daniel Seeger

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