Wildwest in Wolfsanger: Stadtwerke kündigen Verträge für Fernwärme

Wohnquartier Hasenhecke mit dem Triftweg in der Bildmitte: Anwohner streiten mit den Städtischen Werken um die Kosten der Fernwärmeversorgung. Ein kleines, mit Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk sorgt für die Heizwärme für insgesamt annähernd 300 Wohnungen und Reihenhäuser. Archivfoto: Herzog / Flugschule Kassel Uwe Knabe

Wolfsanger / Hasenhecke. Fernwärme-Kunden im Wohnquartier Hasenhecke könnten bald im Kalten sitzen. Denn es gibt gerade richtig Ärger mit den Stadtwerken.

Die Städtischen Werke haben Hauseigentümern langjährige Verträge zum Jahresende gekündigt und gedroht, die Wärmelieferung 2015 einzustellen. Der Grund: Die Kunden weigern sich, neue Wärmelieferungsverträge zu unterschreiben, die die Werke durchsetzen wollen.

„Wir haben keine Alternative“, sagt Frauke Beisheim. Sie und die weiteren 96 Häuslebauer im Neubaugebiet mussten sich vor 20 Jahren verpflichten, ihre Heizwärme von den Stadtwerken zu beziehen, die damals ein Blockheizkraftwerk an der Hasenhecke gebaut haben und seither dort Wärme und Strom erzeugen. Heizöllagerstätten sind verboten, weil die Häuser in einer Wasserschutzzone stehen. Erdgasanschlüsse gibt es nicht. Etwa 60 Prozent der Reihenhäuser haben keinen Schornstein. Aber selbst mit einem Kaminofen, der in manchen Häusern steht, lässt sich das Heizproblem nicht lösen. „Öfen oder eine Solaranlage reichen nicht“, erklärt Frauke Beisheim.

Der Streit zwischen Hausbesitzern und Städtischen Werken wegen hoher Preise für die Fernwärme schwelt seit Jahren. Anfang 2014 hatten sich Eigenheimbesitzer und Mieter der Wohnstadt zur „Interessengemeinschaft der Wärmekunden auf der Hasenhecke“ zusammengeschlossen. Das Ziel: „Wir wollten einen zeitgemäßen und zukunftssicheren Wärmelieferungsvertrag erhalten und Rückforderungsansprüche wegen überhöhter Jahresrechnungen durchsetzen“, erklärt Klaus-Peter von Friedeburg, dessen Haus an der Stonsbreite steht.

Kritik an Drohungen 

Doch zu Verhandlungen sei es nie gekommen. Stattdessen sei von den Werken signalisiert worden: Wenn Kunden die neuen Verträge nicht unterschrieben, würden diese ein Problem bekommen. „Das waren unterschwellige Drohungen“, erinnert sich Frauke Beisheim: „Dieser Umgangston macht misstrauisch.“

Liegen mit den Stadtwerken im Streit über die Fernwärmeversorgung: Klaus-Peter von Friedeburg (links) und Lothar Horn vor ihren Reihenhäusern an der Straße Stonsbreite. Foto: Schachtschneider

Vor wenigen Tagen kamen die Kündigungen. Hausbesitzer von Friedeburg sieht in der massiven Drohung mit der Einstellung der Versorgung geltendes Recht missachtet und spricht von „Wildwest-Methoden“. Die Werke versuchten, „ihr Marktmonopol zu missbrauchen, indem Kunden unter Druck gesetzt werden, den neuen und extrem nachteiligen Vertrag zu unterzeichnen.“ Es sei nicht nachvollziehbar, warum der Wärmebezug auf der Hasenhecke deutlich teurer sei als im übrigen Stadtgebiet, zum Beispiel im Wohnquartier Marbachshöhe. Die Werke versuchten weiterhin, Verbraucher in ihren Rechten zu beschneiden und zu benachteiligen. „Es ist ein starkes Stück, wenn man als Kunde jahrelang betrogen wurde“, sagt Lothar Horn.

Das sagen die Stadtwerke

Die höheren Fernwärme-Preise an der Hasenhecke rechtfertigt Stadtwerke-Sprecher Ingo Pijanka mit den höheren Kosten des dortigen kleinen Gaskraftwerkes: „Wir können dort keine Dumping-Preise nehmen und die anderen Kunden in der Stadt mitbezahlen lassen.“ In den Preisen für die Wärme aus dem kleinen Blockheizkraftwerk müssten die tatsächlichen Kosten abgebildet werden. Die jetzt vorgelegten neuen Verträge seien nötig geworden, weil der Bundesgerichtshof 2011 die Preisgleitklausel auf der Basis des Ölpreises in den alten Verträgen gekippt hatte. Diese Preisformel war auch von Hasenhecke-Anwohnern kritisiert worden, die sich übervorteilt sehen und Rückforderungen wegen zu hoher Fernwärmepreise geltend machen wollen.

Die Kritik an den Vertragskündigungen und der Ankündigung, die Wärmelieferung im nächsten Jahr einzustellen, weist Pijanka zurück. Aus der Sicht der Städtischen Werke gebe es an der Hasenhecke keinen Anschlusszwang an die Fernwärme. Es handele sich deshalb um ganz normale Lieferverträge, die auch gekündigt werden könnten, wie es jetzt geschehen sei. Und wenn Kunden keinen neuen Vertrag abschließen wollten, bestehe für die Werke keine Verpflichtung mehr, Heizwärme zu liefern. (ach) 

Von Jörg Steinbach

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