Interview

Kasseler Studenten am Corona-Krisentelefon: „Wollen einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten“

Psychologiestudentin Celina Stolz ist am Telefon bei einem Beratungsgespräch zu sehen und macht sich Notizen.
+
Psychologie-Studentin Celina Stolz engagiert sich am Corona-Krisentelefon der Uni Kassel

Im ersten Lockdown vor einem Jahr ging das Corona-Krisentelefon der Kasseler Universität an den Start. Nach einer Pause über die Sommermonate läuft das kostenfreie Hilfsangebot seit Dezember wieder.

Kassel – Die Beratung wird ehrenamtlich von Psychologiestudierenden geleistet, die kurz vor dem Masterabschluss stehen. Wir sprachen mit Masterstudentin Celina Stolz (23).

Was unterscheidet das Corona-Telefon der Uni Kassel von anderen Krisen-Hotlines?
Es ist ein zusätzliches Angebot, mit dem wir einen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten wollen. Viele andere Angebote sind ja in der Pandemie sehr stark ausgelastet, vor allem auch therapeutische Angebote. Da wollen wir als angehende Psychotherapeuten für ein Stück Entlastung und Überbrückung sorgen. Grundsätzlich kann jeder bei uns anrufen, der unter der aktuellen Situation leidet.
Mit welchen Anliegen melden sich die Anrufer?
Da gibt es in den verschiedenen Phasen der Pandemie durchaus Unterschiede. Im ersten Lockdown vor einem Jahr meldeten sich viele ältere Menschen, die ganz konkret Angst vor einer Infektion hatten. Kurz vor Weihnachten waren es viele alleinstehende Damen, die befürchteten, dass sie die Feiertage allein verbringen müssen. Seit Anfang des Jahres rufen auch viele internationale Studierende an, die durch das fast komplett online stattfindende Studium unter Isolation leiden. Generell ziehen sich die Themen Einsamkeit, Zukunftsängste und Existenzsorgen sowie Niedergeschlagenheit und Erschöpfung durch viele Gespräche.
Hören Sie vor allem zu, oder geben Sie auch konkrete Hilfestellungen?
Beides. Gerade Menschen, die einen Therapiebedarf haben, können wir oft praktische Fragen beantworten oder Anlaufstellen nennen. Allgemein empfehlen wir, sich in der Pandemiesituation, in der man ja sehr viel zuhause ist, dennoch eine feste Tagesstruktur zu schaffen. Dabei ist es ganz wichtig, auch seine sozialen Kontakte pflegen. Man kann sich etwa regelmäßig mit Freunden zum Telefonieren bei einem Kaffee verabreden. Und es kann hilfreich sein, die eigenen Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben und bewusst großzügig mit sich zu sein. Zwar ist die Krise nach einem Jahr inzwischen ein Stück weit Alltag geworden. Dennoch sollte man sich klarmachen, dass wir uns nach wie vor in einer Ausnahmesituation befinden. Da ist es okay, dass man vielleicht gerade nicht so produktiv und nicht so gut drauf ist.
Das Krisentelefon der Uni ist nicht nur ein Hilfsangebot, sondern will auf der anderen Seite auch Ihnen als angehenden Psychologen Praxiserfahrungen ermöglichen. Wie profitieren Sie davon?
Bei vielen Berufspraktika, gerade wenn es um den Umgang mit psychisch belasteten Menschen geht, bleibt man ja lange in der Beobachterperspektive. An der Telefonhotline können wir im direkten Kontakt mit den Anrufern die Gesprächsführung und den Aufbau einer Beratung üben. Wir können uns in der Rolle als Ansprechpartner für Hilfesuchende erproben. Und wir machen Erfahrungen, wie wir als angehende Therapeuten selbst damit umgehen können, wenn wir mit der Not und den Krisen anderer Menschen konfrontiert sind. Dabei werden wir natürlich professionell begleitet im Rahmen unserer Ausbildung.
Der Dienst am Krisentelefon wird auch als Pflichtpraktikum anerkannt.
Das stimmt. Aber für die meisten Studierenden ist das nicht der Hauptbeweggrund mitzumachen. Es geht uns vor allem darum, in einer Zeit, in der auch wir viel zuhause sitzen, etwas Sinnstiftendes zu tun. (Von Katja Rudolph)

Viermal die Woche erreichbar

Die Hotline ist Montag und Freitag von 10 bis 14 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 16 bis 20 Uhr unter der Nummer 0561/804-2882 zu erreichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.