„Wollen so viel wie möglich selbst machen“

VW-Werk in Baunatal: Neuer und alter Leiter sehen noch viel Potenzial

Zurück in Nordhessen: Der neue Chef im VW-Werk heißt Jörg Fenstermann (vorne). Der 54-Jährige war schon vorher am Standort tätig. Er folgt auf Olaf Korzinovski (53, hinten), der in den Vorstand aufsteigt.
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Zurück in Nordhessen: Der neue Chef im VW-Werk heißt Jörg Fenstermann (vorne). Der 54-Jährige war schon vorher am Standort tätig. Er folgt auf Olaf Korzinovski (53, hinten), der in den Vorstand aufsteigt.

Die 17.000 Beschäftigten im VW-Werk Kassel in Baunatal haben einen neuen Chef: Jörg Fenstermann übernimmt die Leitung von Olaf Korzinovski, der in den Vorstand der Komponenten-Sparte wechselt.

Wir sprachen mit beiden über ihre Zeit in China und die Zukunft des nordhessischen Standortes.

Herr Fenstermann, Sie sind zurück in Nordhessen. Wie fühlt sich das an?
Fenstermann: Es fühlt sich gut an, wieder in der Heimat zu sein! Bei meiner Familie und auch im Volkswagen Group Components Werk (Komponenten-Sparte im VW-Konzern; Anm. d. Red.) in Kassel. Hier war ich in verschiedenen Positionen vor meinem Wechsel nach China tätig und kenne den Standort sehr gut. Wegen Corona war ich im vergangenen Jahr so gut wie gar nicht zu Hause. Umso schöner ist es, jetzt wieder hier zu sein.
Was werden Sie aus China vermissen?
Fenstermann: Die Geschwindigkeit in der Arbeitswelt ist beeindruckend, etwa wie schnell bestimmte Dinge umgesetzt werden. Da habe ich manchmal schon gestaunt. Ein gutes Beispiel ist der Aufbau einer Produktion von Schutzmasken in vier Wochen im Werk in Tianjin. Auch was das Thema Elektromobilität angeht: Beim Thema Ladeinfrastruktur ist China schon sehr weit.
Herr Korzinovski, vor Baunatal waren Sie in ähnlicher Funktion in China. Muss man dort gewesen sein, um das Werk in Baunatal leiten zu können?
Korzinovski: Es ist kein Muss, aber eine wichtige Erfahrung. Ich war insgesamt fünf Jahre in China – mit meiner Familie. Abgesehen davon, dass mir ab und zu unsere gute Luft gefehlt hat, habe ich für mich optimale berufliche Bedingungen vorgefunden. Die Entscheidungswege sind sehr, sehr kurz.
Welche Ideen aus Deutschland haben Sie damals mit nach China genommen?
Korzinovski: Wir haben im Werk Tianjin die duale Berufsausbildung eingeführt. Und ein Ausbildungszentrum aufgebaut, was Jörg Fenstermann weitergeführt hat. Man muss schon sagen, dass China zwar über enorm viel Arbeitskraft verfügt, aber die Tiefe der Ausbildung ist noch stark ausbaufähig.
Fenstermann: Das Ausbildungszentrum wurde stark von der Regierung gefördert, mittlerweile werden dort 300 junge Menschen ausgebildet. Dafür arbeiten auch Ausbilder aus Deutschland in Tianjin. Auch die Inhalte wurden weitestgehend aus Deutschland übernommen. Damit schaffen wir die nötige Qualifikation.
Am Standort Baunatal sollen 1,3 Milliarden Euro investiert werden. Was kann man davon sehen?
Korzinovski: Sie sehen es überall in der Fabrik. Alle E-Antriebe für die ID-Modelle werden am Standort Kassel gebaut. Bald kommt auch noch der „Base minus“, der Motor für den ergänzenden Vorderradantrieb, hinzu. Die Anlagen dafür sind bereits aufgestellt und werden in Betrieb genommen.
Wo sieht man diese Transformation im Werk noch?
Korzinovski: In unserer Halle 2 haben wir die Bereiche weiterentwickelt, die Fahrzeugteile für den Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) herstellen. Zudem ist der Aufbau einer Original-Teile-Fabrik nicht nur ein wesentlicher Pfeiler der Beschäftigungssicherung, er ist ebenfalls wichtiger Bestandteil der ganzheitlichen Strategie für Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Denn ursprünglich wurden die Ersatzteile in den fahrzeugbauenden Werken produziert. Die neue Fabrik fertigt nun zentral Original-Teile für den Konzern. Darüber hinaus steigen wir auch in der Gießerei sukzessive auf E-Mobilität um. Wir setzen alles daran, dass die Gehäuse für die E-Antriebe auch vom Standort Kassel kommen. Wir sind da gut unterwegs: In diesem Bereich haben wir im Wettbewerb mit anderen Werken bereits diverse Produkte für uns gewinnen können.
Im Baunataler Stadtparlament wurde kürzlich von einem Stellenrückgang auf etwa 7500 in den nächsten 15 Jahren gesprochen. Was sagen Sie zu den Zahlen?
Fenstermann: Volkswagen befindet sich in einer umfassenden Transformation und hat sich gemeinsam mit der Arbeitnehmervertretung zum Ziel gesetzt, den Wandel hin zu neuen Technologien so nachhaltig und gleichzeitig effizient wie möglich zu gestalten. Bei Volkswagen gilt die Beschäftigungssicherung an allen Standorten bis 2029.
Zudem investieren wir in die fortlaufende Qualifikation unserer Belegschaft und bauen gezielt neue Kompetenzen auf. Die Volkswagen Group Components, zu der der Standort Kassel gehört, verantwortet mit dem E-Antrieb, der Batterie und dem Geschäftsfeld „Laden und Energie“ drei zentrale Zukunftsfelder, in denen Beschäftigung aufgebaut wird.
Darüber hinaus entwickelt jeder Standort in Abstimmung mit der Komponente zukunftsfähige Produkte. Diese werden dann im weltweiten Wettbewerbsumfeld angeboten. Hier wird entschieden: „Make or Buy“ – machen wir es selbst oder ist es günstiger, es einzukaufen. Wir wollen natürlich so viel wie möglich selbst machen.
Die Batterieproduktion wurde erstmal nach Salzgitter gegeben. Gibt es da in Zukunft nicht auch Chancen für Baunatal?
Korzinovski: Aktuell ist der Standort Kassel gut aufgestellt. Insbesondere mit Blick auf die Beschäftigungssicherung gibt es im Rahmen unserer Komponentenstrategie für jeden Standort Pläne, was dort in welchen Umfängen gefertigt werden soll. Darüber hinaus gibt es natürlich noch viel Innovationskraft an den Standorten selbst. Der Standort Kassel hat da eine Menge im Köcher.
Olaf Korzinovski hat durch ein gutes Miteinander zwischen Werkleitung und Betriebsrat den „Kasseler Weg“ fortgesetzt. Wird das auch vom neuen Werkleiter fortgeführt?
Fenstermann: Ja, selbstverständlich. Die Standortstrategie ist ein echtes Markenzeichen und wird es auch bleiben. Gemeinsam mit dem Betriebsrat wird die Strategie weiter entwickelt und mit der gesamten Mannschaft umgesetzt. Der Betriebsrat gehört in allen Belangen zu meinen Gesprächspartnern. Um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, werden wir immer gemeinsam um die Sache ringen.
Was hat das Werk aus einem Jahr Corona gelernt?
Korzinovski: Ganz allgemein hat Corona unser Risikobewusstsein in allen Bereichen geschärft. Wir haben sehr schnell gemeinsam mit der Belegschaft Hygienekonzepte entwickelt und diese zur Sicherheit aller Beteiligten konsequent umgesetzt. Wir haben durch Corona aber auch bei vielen anderen Themen dazugelernt, zum Beispiel beim Energiesparen: Wir haben beim mobilen Arbeiten mittlerweile einen hohen Grad erreicht, was vorher in dem Ausmaß kaum denkbar war. Das läuft sehr gut und wir werden das auf jeden Fall weiterentwickeln.
Herr Korzinovski, wie sehr werden Sie in Ihrer neuen Funktion noch auf Baunatal schauen können?
Korzinovski: Ich nehme sehr viel mit, auch wenn ich in Zukunft mehr auf die Gesamtheit der Standorte schaue als auf einzelne Werke. Aber allein hier gibt es so viele verschiedene Bereiche, aus denen sich manchmal Synergien entwickelt haben. Dieses „Über-den-Straßenrand-Gucken“ will ich mitnehmen. Wenn sich die Standorte verstärkt austauschen, nutzt das allen. Der direkte Blick in die Fertigung und der Kontakt zur Mannschaft wird mir fehlen.
Herr Fenstermann, was hat für Sie zum Start hier die höchste Priorität?
Fenstermann: Die Menschen auf den Weg der Transformation mitzunehmen und zu qualifizieren. Dabei geht es mir darum, den Beschäftigten die Ängste zu nehmen und ihnen Zufriedenheit bei ihren möglicherweise neuen Aufgaben zu geben. Deshalb ist für mich auch die hierarchieübergreifende Teamarbeit ein weiterer Erfolgshebel. Wir haben in der Kasseler Belegschaft einen großen Erfahrungsschatz, um die Zukunftsthemen zu stemmen

(Gregory Dauber und Sven Kühling)

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