Anmerkungen von Likal-Chef Uli Hagemeier

Worte des Kaisers: Bürgermeister erklärt Kunstaktion auf dem Lutherplatz

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Lutherkirche und Wiener Künstler (von links): Nadja Klement, Hannah Öllinger, Manfred Rainer und Claudia Eipeldauer.

Kassel. Der Lutherplatz ist Treffpunkt der Trinker- und Drogenszene. Die evangelische Kirche hat für 30.000 Euro die Künstlergruppe Wochenklausur aus Wien engagiert, um eine Lösung für die sozialen Probleme zu finden. Ihr Vorschlag: Sozialarbeiter sollen vermitteln.

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Politiker schreiben gern Pressemitteilungen. Die meisten fliegen in der Redaktion sofort in den Papierkorb, einige werden in gekürzter Form abgedruckt. Und es gibt Pressemitteilungen, die übersetzt werden müssen.

Eine solche hat Bürgermeister Jürgen Kaiser verfasst. Thema: Die Arbeit einer Künstlergruppe zur Befriedung der Alkohol- und Drogenszene auf dem Lutherplatz. Zur Erinnerung: Kaiser sucht seit Monaten nach einer Lösung für das Problem und findet keinen Trinkraum.

Aber er findet wundervolle Worte: „Die Initiative der Kirche ist ein konstruktiver Impuls.“ Aufgabe sei es gewesen, „mit Hilfe einer zeitlich begrenzten Kunstaktion den sozialen Brennpunkt Lutherplatz stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen“. Übersetzung: Es hat zwar viele Beschwerden über die Szene, Polizeieinsätze und Presseberichte gegeben, aber erst die Künstler haben uns gesagt, dass es ein Problem gibt.

Zitat Kaiser: „Die Einladung der Gruppe durch den Stadtkirchenkreis ist als Beitrag zur Entspannung der sensiblen Situation am kircheneigenen Lutherplatz uneingeschränkt zu begrüßen.“ Heißt übersetzt: Der Lutherplatz gehört der Kirche. Ich freue mich, dass die ihr Problem endlich selbst anpackt, dann bin ich aus der Nummer raus. Die Sache ist nämlich ganz schön kompliziert.

Der Bürgermeister schreibt: „Bereits in einem früheren Dialog mit der Kunstgruppe habe ich den Eindruck gewonnen, dass hier mit Gestaltungswillen und Kreativität, vor allem mit unverstelltem Blick von außen an eine komplexe Fragestellung herangegangen wird.“ Übersetzung: Gestaltungswillen und Kreativität, das ist es, was uns fehlt! Weiter im Text: „Wenn dies in der Form eines künstlerischen Prozesses geschieht, ist dies methodisch interessant. Entscheidend für mich ist aber das greifbare Ergebnis. Wir müssen danach weiter sein als zuvor.“ Ja, das wird auch jeder denken, der Kirchensteuer bezahlt - sonst hätte man 30 000 Euro zum Fenster rausgeworfen.

Aber hat sich die Investition gelohnt? Jürgen Kaiser sagt Ja - aber nicht einfach nur „Ja“, sondern:„Dieses Ergebnis besteht nicht lediglich in der seitens der Künstlergruppe vorgeschlagenen „Straßensozialarbeit mit Schlichtungsfunktion“, sondern darin, dass nach einer sorgfältigen und neutralen Bestandsaufnahme unter Einbeziehung vieler Akteure die beteiligten Entscheider das Problem nunmehr als ein gemeinsam zu lösendes begreifen und damit die realistische Basis für eine erfolgreiche Kooperation besteht.“

Nicht verstanden? Die Übersetzung aus dem Kaiser-Deutsch lautet: Die Künstler haben sich das Problem angeschaut und sind die Ersten, die es begriffen haben. Sie haben mit den suchtkranken Menschen gesprochen, mit den Leuten von der Kirche und den Nachbarn. Auf die Idee sind wir nicht gekommen. Jetzt schlagen die Künstler vor, dass alle miteinander reden und die Sache gemeinsam aussitzen. Das passt mir gut, dann stehe ich nicht mehr allein in der Kritik.

Danke, Herr Kaiser. Wir haben verstanden.

Von Uli Hagemeier

Video aus dem Archiv: Lutherkirche Kassel: Wochenklausur im Gartenhaus

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