Olaf Holzapfel: „Der Zaun ist hochpolitisch“

Über das Bedürfnis, Grenzen zu ziehen: documenta-Künstler im Interview

Ein Ding, das unklar bleibt: Olaf Holzapfels Skulptur „Trasse“ in der Zaun setzt sich mit Zwischenräumen auseinander. Bei Vielen heißt es nur „Das Klettergerüst“. Foto:  Koch

Holzgerüst in der Aue, eine von ihm kuratierte Miniausstellung über Landschaft und Grenzen im Palais Bellevue: Olaf Holzapfel ist einer der prägendsten Künstler der d14. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Holzapfel, haben Sie einen Gartenzaun zu Hause?

Holzapfel:Nein, ich habe in Berlin einen verwilderten Garten. Ohne Zaun.

„Zaun“ ist allerdings der Titel ihrer gesamten multimedialen Installation. Was interessiert Sie an der Vorgartengrenze?

Holzapfel: Es geht ja nicht nur um den Vorgarten, sondern um Grenzräume allgemein. „Zaun“ ist genau wie „Haus“ ein sehr altes Wort und weist auf die Trennung von Stadt und Land hin. Das ist ein Hauptthema meiner Arbeit. Auch wenn immer mehr Menschen in der Stadt wohnen, sind wir von Landschaft umgeben. Der Zaun steht für eine Grenze, die zwar transparent ist, aber trotzdem Zentren schafft und zwischen innen und außen unterscheidet.

Ein Höhepunkt im Palais Bellevue ist der amüsant-spießige Ratgeber-Film über den perfekten Gartenzaun aus den 80er-Jahren. Warum haben Sie den ausgewählt?

Holzapfel: Die Filme von Dieter Wieland heißen „Topographie“. Es geht zwar um den Zaun, aber es geht ihm auch um einen abstrakten Begriff. Er weist darauf hin, dass ein Mensch im Raum steht und den Raum teilt. Im Dorf weisen wir zum Beispiel mit einem Zaun darauf hin, dass das unser Raum ist.

Sehen Sie Ihre Arbeit auch im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung? Alles soll abgesperrt sein: Grenzen wegen der Migration, öffentliche Plätze wegen des Terrors...

Holzapfel:Ja, der Zaun ist hochpolitisch. Im Sinne von Trennung zwischen Stadt und Land sehen wir ja, dass sich viele Leute, die nicht im Zentrum sind, nicht wirklich repräsentiert fühlen. Der „Rust Belt“ in den USA wählt Trump, die Leute, die für den Brexit gestimmt haben, sind auch eher die außerhalb der großen Städte. Ich will nicht sagen, dass ich deren Meinung vertrete, aber es gibt den Widerspruch zwischen der zentralen medialen Meinung, und denen, die nicht vorkommen.

Der Zaun ist überall: Zeichnungen im Palais Bellevue. Foto:  Fischer

Ihre Arbeit passt auch zum Kolonialismus-Schwerpunkt der d14. Die Siedler in Amerika dachten ja, dass das Land niemandem gehört, weil es keine Zäune gab.

Holzapfel: Holzapfel: Ja, ich zeige als zentrale Arbeit den Film „Latitude 40“ im Palais Bellevue. Er wurde in Patagonien gedreht, wo auch Indios ohne Zäune gelebt haben. Und die Siedler fingen dann an, dieses riesige Land einzuzäunen, um sich zu manifestieren. Da war die Natur nur eine Ressource zum Ausbeuten. Im Video geht es aber auch um die relativ junge Grenze zwischen Argentinien und Chile. Die wurde mit Rücksicht auf Klimazonen und Topografie gezogen.

Die d14 wurde hart kritisiert. Hat Sie das getroffen?

Holzapfel: Kontroverse ist gut für die Ausstellung, aber ich finde, dass sich die Kritik selbst entlarvt. Es werden nicht die Werke kritisiert, sondern eine Haltung. Es ist doch paradox, dass wir in diesem Land von der Globalisierung leben, aber wenn die documenta 14 das kritisch hinterfragt und nicht nur ein eurozentristisches Einerlei bringt, wird das niedergemacht.

Einer der Kritikpunkte war, dass die d14 ihre Künstler instrumentalisiert, um ihr theoretisches Konzept zu stützen...

Holzapfel: Mein Kurator Dieter Roelstraete hat mich nicht instrumentalisiert. Ich besaß alle Freiheiten. Es ist ja die Arbeit eines Kurators, Künstler für eine These einzusetzten.

Ihre Holz-Skulptur in der Aue heißt für viele nur „das Klettergerüst“. Kompliment oder Beleidigung?

Holzapfel: Ich weiß nicht, sowas passiert mir zum ersten Mal. Es liegt wahrscheinlich daran, dass das Holgerüst an sich schwer zu kategorisieren ist, wie eine Zwischenstufe bei einem Fachwerkhaus. Immerhin setzen sich die Leute damit auseinander.

Fünf-Minuten-Rundgang durch das Palais Bellevue:

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