Befürchteter Corona-Effekt ausgeblieben

Ausbildungsmarkt in der Region stemmt sich gegen Krise

Das Foto zeigt eine Ausbildungssituation in einer VW-Werkstatt in der Region Hannover.
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Sehr beliebt: Viele Bewerber streben eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker an.

Der befürchtete Einbruch ist ausgeblieben, dennoch hat die Corona-Pandemie den Ausbildungsmarkt in der Region geprägt.

Kassel - Die Agentur für Arbeit Kassel verzeichnet für das abgelaufene Berichtsjahr im Jahresvergleich weniger Bewerber und Ausbildungsstellen in ihrem Bezirk, der Stadt und Landkreis Kassel sowie den Werra-Meißner-Kreis umfasst. Der große Einbruch des regionalen Ausbildungsmarktes blieb bislang aber aus.

Michael Schubert, Geschäftsführer des operativen Bereichs der Kasseler Arbeitsagentur, zieht eine entsprechend durchwachsene Bilanz. „Der im Frühjahr befürchtete Corona-Effekt ist ausgeblieben“, sagt der Arbeitsmarktexperte. Allerdings habe es sowohl aufseiten der Bewerber als auch der Ausbildungsbetriebe große Unsicherheit gegeben, wie und ob ein Berufsstart im Zeichen der Pandemie möglich ist. „Weil coronabedingt die Kommunikation nach dem ersten Lockdown verspätet und dann oftmals auch ausschließlich digital stattfand, haben sich Bewerbungs- und Einstellungsprozesse auch verzögert.“

Insgesamt sank die Zahl der Bewerber im Vergleich zum selben Zeitpunkt des Vorjahres um 372 auf 3436. Das ist ein deutliches Minus von 9,8 Prozent. „Grund ist unserer Einschätzung nach, dass sich viele Jugendliche angesichts der schwierigen Lage nicht für eine duale Ausbildung, sondern für den Besuch einer weiterführenden Schule beziehungsweise die Aufnahme eines Studiums entschieden haben“, erläutert Schubert. Hinzu komme die generell sinkende Anzahl der Schulabgänger.

Auch die Zahl der freien Ausbildungsstellen ging zurück – um 109 Stellen (minus 3,1 Prozent) auf 3380. Das sei nicht erfreulich, aber deutlich besser als der landesweite Rückgang von 8,4 Prozent, so Schubert. Positiv bewertet er, dass fast 60 Prozent weniger Ausbildungsstellen als vor einem Jahr unbesetzt blieben. „Allerdings stieg dennoch die Zahl unversorgter Bewerber mit 134 Personen um fast 10 Prozent an.“

Auch die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg und die Handwerkskammer Kassel sehen Licht und Schatten am Ausbildungsmarkt 2020.

Die IHK verzeichnet 10,5 Prozent weniger gemeldete Ausbildungsverträge im Vergleich zum Vorjahr. Damit habe die Region aber deutlich besser abgeschnitten als viele andere hessische Regionen, sagt Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter für Aus- und Weiterbildung bei der Kammer. Offiziell belegt die hiesige IHK unter zehn Regionen Rang zwei.

Das spiegele die Lage der Betriebe zwischen dem Bedarf an Fachkräften einerseits und der Corona-Verunsicherung bei Jugendlichen und Betrieben andererseits wider, so Fölsch. „Ganz offensichtlich hat in Nordhessen und Marburg die wirtschaftliche Zuversicht das Handeln der Betriebe bestimmt, sodass sie von ihrem Plan, weiterhin auszubilden nur zu einem kleinen Teil abgewichen sind.“

Die IHK stellt unterschiedliche Entwicklungen in der Region fest. Während der Landkreis Hersfeld-Rotenburg ein insgesamt sehr positives Ergebnis mit plus 1,8 Prozent aufweist und dabei zu großen Teilen von der Sonderkonjunktur im Bausektor der Region profitiert, verzeichnen der Landkreis Kassel (minus 18,2 Prozent) und der Werra-Meißner-Kreis (minus 16,8 Prozent) rückläufige Tendenzen. Auch die Stadt Kassel (minus 10,2 Prozent), der Landkreis Waldeck-Frankenberg (minus 12,0 Prozent) sowie der Schwalm-Eder-Kreis (minus 10,5 Prozent) weisen zweistellige Verluste auf.

Auch die Handwerkskammer Kassel (HWK) meldet einen Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Die Zahl der eingetragenen Lehrverträge sank um 244 von 2928 im Vorjahr auf 2684. „Unsere Zahlen spiegeln deutlich wider, dass 2020 coronabedingt weder die reguläre Berufsorientierung in den Schulen noch die übliche Nachwuchswerbung von Handwerksorganisation und -unternehmen stattfinden konnten“, sagt Sabine Aue, Leiterin der Abteilung Berufsbildung bei der Kammer.

So seien neben der Beratung in den Schulen auch Messen und Praktika ausgefallen. Das ist für den personalintensiven Wirtschaftsbereich Handwerk keine gute Entwicklung“, betont Aue.

Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe hingegen sei ungebrochen. „Mit knapp 450 offenen Ausbildungsplätzen, von denen 95 noch in diesem Jahr zu besetzen sind, zeigt unsere digitale Lehrstellenbörse, dass die Handwerksbetriebe nach wie vor auf der Suche nach Auszubildenden sind.“

Neben digitalen Formaten für Schüler, ihre Eltern und Unternehmen, welche die HWK weiter ausbauen will, bietet die Kammer ihren Betrieben die Möglichkeit, sich mit unterschiedlichen Seminaren zum attraktiven Ausbildungsbetrieb zu qualifizieren. Dazu zählen beispielsweise Workshops zum Thema Azubi-Marketing oder der mehrteilige Bildungsgang zum Azubi-Coach.

Von Nicole Schippers

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