Neues Zentrum im Klinikum Kassel

Im Klinikum gibt es jetzt ein Zentrum für Erwachsene mit Behinderung

Luca Stüß (rechts) wird im neuen MZEB von Physiotherapeutin Christina Kraus untersucht, im Hintergrund sind Lucas Mutter Sabine Stüß (links) und Heilpädagogin Katharina Kulig.
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Luca Stüß (rechts) wird im neuen MZEB von Physiotherapeutin Christina Kraus untersucht, im Hintergrund sind Lucas Mutter Sabine Stüß (links) und Heilpädagogin Katharina Kulig.

Das Klinikum Kassel hat ein neues medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderung. Wir haben uns dort umgesehen und mit einer Patientin gesprochen.

Kassel – Luca Stüß ist mal wieder da. Sie führt Gespräche mit Heilpädagogin Katharina Kulig, sie wird von Physiotherapeutin Christina Kraus untersucht. Es geht um Fragen, wie das Leben der 24-Jährigen optimiert werden kann. Die junge Frau aus Vellmar leidet seit ihrer Geburt an mehreren Behinderungen, zum Beispiel ist ihre rechte Seite gelähmt. Sonst ging Stüß ins Sozialpädiatrische Zentrum des Klinikums Kassel.

Seit Kurzem gibt es ein vergleichbares Zentrum für Erwachsene.

Dafür hat das Klinikum die ehemalige Kita der Gesundheit Nordhessen gegenüber des Hauptgebäudes umgestaltet. Viel Platz, helle Räume, angenehme Atmosphäre. Der Bedarf für solch eine Einrichtung sei da, sagt Prof. Dr. Bernd Wilken, Chefarzt der Neuropädiatrie, der mit Prof. Dr. Julian Bösel, Chefarzt der Neurologie, das Medizinische Zentrum für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) leitet. Während Kinder und Jugendliche umfassend betreut würden, mangele es für geistig oder mehrfache behinderte Erwachsene an ganzheitlichen Angeboten: „Wir sind froh, dass wir diese Versorgungslücke schließen und unsere älter gewordenen Patienten weiter begleiten können“, sagen die Mediziner.

Darüber freut sich Luca Stüß gleichermaßen. So müsse sie ihren Neurologen nicht wechseln. Seit Ewigkeiten sei sie bei Wilken in Behandlung. „Ich vertraue ihm“, sagt sie. Neben einer spastischen Hemiparese, die die Lähmung verursacht, ist die 24-Jährige durch einen sogenannten Shunt beeinträchtigt, eine Art Schlauch, der vom Kopf in den Bauch führt, weil ihr Gehirnwasser nicht normal abläuft. Überdies kam im Alter von zehn Jahren eine Epilepsie hinzu.

Es laufe sehr gut bei Luca, sagt Kulig, die Heilpädagogin, kognitiv zähle sie zu den Fittesten: „Wir beraten, geben Empfehlungen, erstellen Handlungspläne, wir machen im MZEB vornehmlich Diagnostik.“ Das Team setze sich aus Medizinern mehrerer Fachrichtungen zusammen, hinzu kämen Sozialpädagogen, Psychologen, Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten, erklärt Bösel. Für Menschen wie Luca Stüß gibt es zig Disziplinen unter einem Dach. Ähnliche Zentren stünden in Frankfurt und Hannover, erklärt der Neurologe.

Das verbindende Element aller Patienten im MZEB ist eine Erkrankung des Nervensystems. In vielen Fällen wirke die sich auch auf andere Organe und den Bewegungsapparat aus, sagt Bösel. Es ergebe sich ein komplexes Krankheitsbild. Heute würden junge Patienten besser behandelt, sie werden älter, „und mit Beginn des Erwachsenenalters fallen sie in ein Loch.“ Eltern müssten von Pontius nach Pilatus laufen, um Ärzte zu finden.

Diese Komplexität, diesen interdisziplinären Charakter – das böte das neue Zentrum. Es werde kooperiert mit Fachärzten, Behinderten-Einrichtungen und anderen Krankenhäusern. Es gehe nicht nur um medizinische Aspekte, sagt Wilken: „Das wichtigste Ziel ist, dass Patienten selbstbestimmt und autonom leben können.“

Dieses Ziel hat Luca Stüß erreicht. Ein Spaziergang war das nicht. Die Grundschule brach sie vorzeitig ab und wechselte auf die Alexander-Schmorell-Schule in Kassel, eine Schule mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Früh musste das Mädchen erfahren, was es bedeutet, wegen einer Behinderung ausgegrenzt zu werden. Besonders schlimm sei es in der Pubertät gewesen, sagt die Mutter. „Ich hatte kein Selbstbewusstsein“, erinnert sich die 24-Jährige.

Dank ihrer Familie und dank der Unterstützung im Klinikum sei sie ihren Weg gegangen. Seit mehr als drei Jahren lebt sie in der Epilepsie-Rehabilitationsklinik Bethel in Bielefeld, dort will sie im Sommer eine Ausbildung anfangen. Im MZEB in Kassel schaut Luca Stüß aber weiterhin alle paar Monate vorbei. (Robin Lipke)

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