Zahlungsunfähigkeit des AKGG: Expansion ging zu schnell

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Kassel. Für die Mitarbeiter des Arbeitskreis Gemeindenahe Gesundheitsversorgung gGmbH (AKGG) ist die Nachricht von der Insolvenz völlig überraschend gekommen.

Sie wussten zwar, dass es ihrem Arbeitgeber finanziell nicht gut geht, doch das Ausmaß der Schieflage war ihnen nicht bekannt.

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Bereits im vergangenen Jahr hatten sie dem AKGG das Weihnachtsgeld gestundet. Es wird seit April in zwölf Monatsraten nachbezahlt. Ob das auch vom Insolvenzgeld der Arbeitsagentur abgedeckt ist, werde geprüft, sagte Geschäftsführerin Rut Wilcken.

Rut Wilcken

Sie und ihre Mit-Geschäftsführer Anja Marquardt und Robert Moos, die hauptberuflich Abteilungen des AKGG leiten, seien selbst von der Zahlungsunfähigkeit überrascht worden. Das sei aber nicht der Grund für die Absetzung des bisherigen Geschäftsführers Reinhard Mann gewesen. Der Vorstand des Trägervereins AKGG hatte am Donnerstag vor einer Woche entschieden, Mann abzuberufen und die dreiköpfige ehrenamtliche Geschäftsführung einzusetzen.

Robert Moos

Bei der Abberufung Manns sei es um Differenzen über die weitere Ausrichtung des Sozialträgers gegangen. Mann, der die Geschicke des AKGG seit Januar 2002 geleitet hat, habe auf eine ständige Ausweitung des Angebots gesetzt. Das habe der Verein als Träger und Aufsichtsgremium zunehmend kritisch gesehen. „Es gibt Zeiten, in denen man expandieren kann, aber es gibt auch Zeiten, in denen man konsolidieren muss“, sagte Wilcken. Der Vereinsvorstand und der Geschäftsführer hätten sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Mann, an den bisher keine Abfindung gezahlt worden sei, war für eine Stellungnahme gestern nicht zu erreichen.

Was genau zur Zahlungsunfähigkeit des AKGG geführt hat, müsse erst noch analysiert werden, sagte Insolvenzverwalter Carsten Koch. Geschäftsführer Robert Moos nannte zumindest ein Problem: Der AKGG ist mit seinem vielfältigen Angebot von sehr vielen Kostenträgern und Geldgebern abhängig. Während früher mehr im Voraus bezahlt wurde, erhält der Sozialträger sein Geld heute meist nach erbrachter Leistung. „Wir müssen viel vorfinanzieren“, sagt Moos, „das macht uns das Leben schwer.“

Zahl der Gläubiger unklar

Unklar sei bisher auch, wie vielen Gläubigern die Gesellschaft Geld schuldet. Das zu klären, gehört zu den Aufgaben von Insolvenzverwalter Carsten Koch. Spätestens bis Ende Januar, wenn das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur ausläuft, will er entscheiden, ob das Insolvenzverfahren eröffnet wird. Dann muss ein neuer Investor gefunden werden, der die Verbindlichkeiten ablöst. Das könnte auch der bisherige Gesellschafter, der Verein AKGG sein.

Koch macht Hoffnung aus seiner Erfahrung als Insolvenzverwalter. In einem ähnlichen Fall seien alle Mitarbeiter von der neuen Gesellschaft übernommen worden, und das Angebot konnte uneingeschränkt weiterlaufen. Ob das auch bei dem AKGG der Fall sein wird, muss in den kommenden Monaten geklärt werden.

Von Marcus Janz

Stadt Kassel stellt vorerst die Zahlungen ein

Die neue Geschäftsführung des AKGG gGmbH will den Betrieb aller Einrichtungen weiterführen wie gehabt. Im Rahmen des Insolvenzverfahrens müsse geprüft werden, wo das Defizit entstanden ist. Aber die Geschäftsführer sind sich einig: „Was wir machen, machen wir gut“, sagt Anja Marquardt. Das hätten auch die Kooperationspartner und Kostenträger des AKGG bestätigt, als sie über die Insolvenz informiert wurden. Dazu zählen Kommunen und Landkreise, aber auch das Land Hessen.

Sie schätzten die soziale Arbeit der AKGG und würden sich über eine Fortsetzung der Zusammenarbeit freuen. Das bestätigte auch die Stadt Kassel. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass die Angebote aufrechterhalten bleiben“, sagte Pressesprecher Hans-Jürgen Schweinsberg gegenüber der HNA. Allerdings könne die Stadt nach dem Insolvenzantrag aus formalen Gründen keine Zahlungen mehr leisten.

Sie sei aber bereit, mit dem Insolvenzverwalter über Zahlungen und Leistungserbringungen zu sprechen. Auch das Regierungspräsidium Kassel, das Aufsichtsbehörde bei der Schwangerschaftskonfliktberatung ist und das Fördergeld verteilt, prüfe derzeit, ob die Mittel noch ausgezahlt werden dürften. Bereits erbrachte Leistungen würden aber bezahlt, sagte der Pressesprecher Jörg Wiegel. (mcj)

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