Hintergrund ist NS-Vergangenheit des Namensgebers

Zank um Branner-Brücke: Geplante Infotafel  entzweit Rot-Grün

Streit um ihren Namensgeber läuft weiter: Die Karl-Branner-Brücke, die die Unterneustadt mit der Innenstadt verbindet, entzweit die Kasseler Rathausfraktionen. Der Grund ist eine geplante Infotafel, die an der Brücke angebracht werden soll. Archivfoto: Fischer

Kassel. Ein Kompromiss zum Umgang mit der NS-Vergangenheit des ehemaligen Kasseler Oberbürgermeisters Karl Branner (1910-1997) wird zur Zerreißprobe für das rot-grüne Rathausbündnis.

Vor der Sommerpause hatten sich die Parteien im Stadtparlement darauf geeinigt, einige der Ehrungen für den SPD-Stadtvater abzuerkennen. Hintergrund war vor allem die Doktorarbeit des früheren NSDAP-Mitglieds, in der Branner die NS-Ideologie postulierte. Deshalb soll an der Karl-Branner-Brücke eine Infotafel angebracht werden, auf der auch dessen NS-Zeit thematisiert wird.

Mehr zu Karl Branner finden Sie im Regiowiki.

Dies gestaltet sich nun aber äußerst schwierig. Denn ein langwierig erarbeiteter Textvorschlag vom Oberbürgermeister-Referenten Reinhold Weist stößt beim grünen Kooperationspartner und bei der CDU-Fraktion auf wenig Gegenliebe. Der HNA liegen der mit Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) abgestimmte Entwurf sowie die umfangreichen Korrekturen von CDU und Grünen vor (Artikel unten). Die Änderungswünsche hatten der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Dieter Beig, und der CDU-Stadtverordnete Dr. Michael von Rüden gemeinsam verfasst.

Parteien nur teils eingeweiht

Die anderen Fraktionen im Stadtparlament sollen den Vorschlag aus dem Rathaus bislang gar nicht erhalten haben. Sie hatten also noch keine Gelegenheit, Anmerkungen zu machen.

Verharmlost die Rolle des OB

Von 1963 bis 1975 Oberbürgermeister: Karl Branner.

Aus Sicht von CDU und Grünen verharmlost der Vorschlag aus dem Rathaus die Rolle von Branner. Weder sei exakt benannt, in welchem Geist er seine Doktorarbeit 1937 verfasst habe und welche Bedeutung diese habe noch seien Branners zahlreiche Mitgliedschaften in NS-Organisationen aufgeführt. Auch sei in dem Textvorschlag des Referenten nicht erwähnt, dass Branner nach dem Krieg SPD-Mitglied war und sich nach 1945 nie selbstkritisch zu seinem Verhalten in der NS-Zeit äußerte. Ebenso halten die Kritiker es für übertrieben, Branner für die späteren Kriegsjahre als Widerständler darzustellen. Dieser habe wegen Wehrkraftzersetzung nur einen Stubenarrest abzusitzen gehabt. Nach Informationen der HNA soll in den nächsten Wochen ein Kompromiss aus den Vorschlägen gefunden werden.

Zwei Textvorschläge für Infotafel

Referentenentwurf:

„Dr. Karl Branner, 1910-1997. Branner wuchs als Sohn eines Bäckermeisters in der Unterneustadt auf. Ab 1952 gestaltete er als Stadtverordneter, Bürgermeister und Oberbürgermeister (1963-1975) den Wiederaufbau des zerstörten Kassels mit. Er setzte sich mit Nachdruck für die 1972 erfolgte Gründung der Gesamthochschule, der heutigen Universität Kassel ein. 1975 wurde er Ehrenbürger, 1995 Ehrenoberbürgermeister. 1933 trat er in die NSDAP ein und war u. a. Mitglied im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Er übernahm für seine Doktorarbeit den rassistischen-antijüdischen Ansatz seines Doktorvaters, der nach 1945 wegen seiner nationalsozialistischen Ansichten nicht wieder ins Beamtenverhältnis übernommen wurde. Während seiner Zeit als Soldat im Kriegseinsatz von 1939 bis 1945 wurde er 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zu Arrest verurteilt. Von 1945 bis 1949 war er als Kriegsgefangener in einem Lager im heutigen Serbien. Dort war er führend in einem Antifaschistischen Ausschuss tätig, einer Art Selbstverwaltung der Lagerhäftlinge.“

Vorschlag Grüne/ CDU:

Hier die Änderungswünsche (Änderungen gefettet):

„Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 20. Juli 2015, nach kontroverser Diskussion, ein Schild an der Karl-Branner-Brücke anzubringen, um Dr. Karl Branners Wirken historisch einzuordnen. Dr. Karl Branner, 1910 -1997. Branner wuchs als Sohn eines Bäckermeisters in der Unterneustadt auf. Ab 1952 gestaltete er als SPD-Stadtverordneter, Bürgermeister und Oberbürgermeister (1963-1975) den Wiederaufbau des zerstörten Kassels mit. Er setzte sich mit Nachdruck für die 1972 erfolgte Gründung der Gesamthochschule, der heutigen Universität Kassel, ein. 1975 wurde er Ehrenbürger, 1995 Ehrenoberbürgermeister. Im Mai 1933 trat er in die NSDAP ein und war Mitglied in der SA, im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, im NS-Rechtswahrerbund und anderen NS-Verbänden. Seine Doktorarbeit war geprägt von der Ideologie der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Mit dieser Doktorarbeit zur NS- Steuerpolitik lieferte er die ideologische Rechtfertigung für die Enteignung jüdischen Vermögens. Während seiner Zeit als Soldat im Kriegseinsatz von 1939 bis 1945 wurde er 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zu geringfügigem Arrest verurteilt. Von 1945 bis 1949 befand er sich als Kriegsgefangener in einem Lager im heutigen Serbien. Dort war er führend in einem „Antifaschistischen Ausschuss“ tätig, der vorwiegend die Umerziehung und Beeinflussung der deutschen Kriegsgefangenen im Geist des Stalinismus zum Ziel hatte. Dr. Karl Branner hat nach 1945 öffentlich seine Rolle im Nationalsozialismus verharmlosend beschrieben. In einer 2015 veröffentlichen Studie ist seine Vita ausführlich dokumentiert.“

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