Psychotherapeut warnt vor vorschnellen Diagnosen

„Zappelphilipp oft Fehldiagnose“: Interview zu ADHS und auffälligen Kindern

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Modediagnose ADHS: Hinter dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom kann sich oft auch ein psychisches Problem verbergen. Der Kasseler Psychotherapeut Prof. Warsitz warnt vor vorschnellen Diagnosen.

Kassel. Die Universität Kassel bietet ab diesem Semester ein neues berufsbegleitendes Studienprogramm an, das zum Kinder- und Jugendtherapeuten ausbildet. Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Dr. Rolf-Peter Warsitz, der das Studienprogramm zusammen mit Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber leitet.

Knapp fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden Zahlen der Kassen zufolge an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS - auch als Zappelphilippsyndrom bekannt. Sie befürchten, dass viele Fehldiagnosen darunter sind. Warum?  

Rolf-Peter Warsitz: Die Diagnose ADHS ist als biologisches Krankheitsbild umstritten. Andere Theorien gehen von einer psychosozialen Entwicklungsstörung aus, bedingt durch frühe Beziehungsstrukturen in der Familie. Wenn Kinder - meist sind es Jungs - in der Kita über die Tische gehen oder in der Schule als zappelig und impulsiv auffallen, wird häufig nicht nach den Ursachen gefragt, sondern die Modediagnose ADHS gestellt.

... und dann mit Medikamenten behandelt.  

Warsitz: Die Behandlung mit Ritalin führt zwar zu einer symptomatischen Beruhigung, die Probleme hinter dem Verhalten der Kinder sind aber nicht gelöst. Zudem ist die Wirkung dieser Droge auf die noch nicht abgeschlossene Gehirnentwicklung nicht ausreichend bekannt. Statt nur Medikamente zu geben, muss man sich vielmehr der Psyche des Kindes widmen und verstehen, was in Familie und Schule los ist. Dass nicht genau genug hingeschaut wird, liegt häufig auch daran, dass der Sachverstand fehlt: Es gibt nicht genug Kinder- und Jugendtherapeuten, die für solche Störungsbilder ausgebildet sind.

Man hat den Eindruck, dass immer mehr Kinder psychologische Hilfe benötigen. Gibt es wirklich mehr auffällige Kinder oder geht man heute nur schneller zum Psychologen?  

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Rolf-Peter Warsitz ist Leiter der Fachgebiets Soziale Therapie, der dem Fachbereich Sozialwesen angegliedert ist. Zudem ist er wissenschaftlicher Leiter des neuen Studienprogramms der Uni Kassel. Warsitz (63) ist Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph. Neben der Tätigkeit an der Uni betreibt er eine psychotherapeutische Praxis. Er ist verheiratet und lebt in Kirchditmold.

Warsitz: Beides. Es ist schon so, dass viele Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer, heute aufmerksamer sind. Auf der anderen Seite haben sich das Beziehungsverhalten und Gruppenerleben in der Familie stark verändert: Viele Familien essen zum Beispiel nicht mehr gemeinsam und tauschen sich weniger untereinander aus. Kinder verbringen mehr Zeit mit Fernsehen, Internet und anderen virtuellen Spielzeugen. Dadurch kommt es häufiger zu Bindungs- und Beziehungsstörungen. Das Paradox dabei ist, dass nicht nur eine zu lockere, sondern auch zu enge Bindung zum Problem werden kann. Nicht nur Vernachlässigung, auch übermäßig behütendes Verhalten der Eltern kann der kindlichen Entwicklung schaden.

Wie oft sind Eltern das Problem hinter dem Problem des Kindes? 

Warsitz: Das ist ein heikles Thema. Oft wird schnell gesagt, die Eltern sind schuld - oder die Mutter. Es ist aber so, dass die Verhaltensweisen und Triebkräfte von Eltern und Kind sich ergänzen und Probleme sich dadurch oft hochschaukeln. In der Familie gibt es eine unbewusste Dynamik, an der alle beteiligt sind. Deshalb ist es so wichtig, dass ein Therapeut sich nicht nur das Kind, sondern die Kommunikationsstrukturen in der Familie ansieht.

Viele Eltern machen sich Sorgen, in der Erziehung Fehler zu machen. Worauf sollte man achten? 

Warsitz: Wer den Anspruch hat, alles richtig zu machen und die perfekte Mutter oder der perfekte Vater zu sein, der hat schon verloren. Damit überfordert man sich selbst und seine Kinder - und dann wird es verkrampft. Es geht darum, als Eltern ausreichend gut zu sein. Wichtig sind vor allem eine liebevolle Zuwendung und eine klare Grenzsetzung der Rollen. Sodass das Kind spürt, es wird um seiner selbst willen geliebt - und nicht nur für bestimmte Fähigkeiten oder gute Noten.

Nicht jedes Kind mit Bewegungsdrang hat ADHS. Nicht jedes Kind, das mal niedergeschlagen ist, hat eine Depression. Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind Hilfe braucht? 

Warsitz: Zunächst sollte man sich vor schnellen Diagnosen hüten. Sie wirken oft stigmatisierend. Man sollte Verhaltensänderungen vor allem versuchen zu verstehen: sich fragen, ob und was vorgefallen ist und gut beobachten, wie das Kind sich verhält und wie lange die Phase anhält. Auf jeden Fall sollte man das Kind darauf ansprechen und zeigen, dass man auch bei Schwierigkeiten für es da ist.

Von Katja Rudolph

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