Fragen und Antworten zur Erhebung

"Wo lebt es sich am besten?" So schlecht schneidet Nordhessen bei ZDF-Studie ab

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Stadt am Fluss: Blick über die Fulda und die Karlsaue mit der Orangerie auf die Kasseler Innenstadt. In der Bildmitte sind das Fridericianum und das Staatstheater zu erkennen, rechts am Bildrand ein Teil der Unterneustadt.

Kassel. Schlechte Luft und wenig Sonne: Stadt und Landkreis Kassel landen in der aktuellen Deutschland-Studie des ZDF auf hinteren Rängen.

Mit einer aufwendigen, von der Schweizer Prognos AG erarbeiteten Deutschland-Studie will das ZDF Antworten auf die Fragen geben, wo es sich am besten lebt, in welchen Orten in Deutschland sich das längste Leben, die beste Luft, die niedrigsten Mieten oder das höchste Einkommen finden lassen.

Im Ranking der 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland schneidet Nordhessen gar nicht gut ab. Die Stadt Kassel landet auf Rang 261, der Landkreis Kassel auf Rang 324. Der Schwalm-Eder-Kreis findet sich auf Platz 321. 

Etwas besser stehen die Kreise Werra-Meißner (260) und Hersfeld-Rotenburg (240) da. Waldeck-Frankenberg hat mit dem Rang 175 die beste Platzierung erreicht.

Fragen und Antworten zum schlechten Abschneiden unserer Region:

Wer hat die Studie für das ZDF erstellt und die Bewertungen vorgenommen?

Die Prognos AG, eines der ältesten Wirtschaftsforschungsunternehmen Europas. Insgesamt sind 24.000 Datensätze von Dutzenden Institutionen, Einrichtungen und Statistikämtern eingeflossen, wurden nach wissenschaftlichen Vorgaben unterschiedlich gewichtet. Zehn Forscher von Prognos – darunter Soziologen, Politologen und Volkswirte – haben ein Jahr lang daran gearbeitet.

Bringt die aufwendige Studie wirklich neue Erkenntnisse?

Der Osten Deutschlands hat aufgeholt, das frühere West-Ost-Gefälle hat sich abgeflacht. Die Unterschiede zwischen Nord und Süd sind inzwischen größer. Der Süden ist extrem stark geworden. 78 der Top-100-Regionen liegen in Bayern und Baden-Württemberg. Beim Süd-Nord-Gefälle geht es inzwischen steil bergab. Im hohen Norden, zum Beispiel in Bremerhaven, sieht es richtig düster aus. Bemerkenswert ist zudem, dass es keine gravierenden Unterschiede zwischen Stadt und Land mehr gibt. Auch viele ländliche Regionen stehen heute glänzend da.

Wie kommt es zum auffallend schlechten Abschneiden unserer Region, die sich doch seit Jahren wirtschaftlich bestens entwickelt hat?

Weil es in der Studie nicht bloß um Arbeitslosenzahlen oder viele Grünflächen geht. Die Forscher haben 53 Indikatoren in den drei Feldern Arbeit und Wohnen, Gesundheit und Sicherheit sowie Freizeit und Natur bewertet. Und bei vielen dieser Indikatoren sieht es in Stadt und Kreis nicht so toll aus.

Kassel ist bei Gesundheit und Sicherheit auf dem Teilrang 328 unter den Letzten gelandet. Da ist die Stadt doch eigentlich gut aufgestellt?

Zwar hat Kassel bei der Erreichbarkeit von Krankenhäusern in nur zwei Minuten und bei der Arztdichte von 306 Einwohnern je Arzt volle Punktzahl. Aber die Lebenserwartung von Frauen und Männern liegt unter dem Durchschnitt. Es gibt schlechte Zahlen im Hinblick auf Kinder- sowie Altersarmut. Die Daten bei Gewaltverbrechen und vor allem bei Wohnungseinbrüchen liegen über dem Durchschnitt, ebenso die Zahl der übergewichtigen Einwohner und der Raucher. Hinzu kommt die schlechte Luftqualität in Kassel.

Der Landkreis Kassel ist bei Freizeit und Natur auf den Teilrang 398 (von 401) abgestürzt. Das kann doch gar nicht sein?

Es geht bei den 20 Indikatoren in diesem Bereich um mehr als das von vielen Menschen erträumte gemütliche Leben auf dem Dorf in grüner Umgebung. Im Landkreis gibt es zwar viel Wald (fast volle Punktzahl), aber nur wenig Wasser- sowie Erholungsflächen und wenig naturgeschützte Bereiche. Es gibt kein Theater und keine Uni, die Bar- und Restaurantdichte ist gering, ebenso die Wahlbeteiligung bei der jüngsten Kommunalwahl. Die Betreuungsquote im Kindergartenalter und von Kleinkindern liegt unter dem Durchschnitt. Zudem gibt es nur 1446 Sonnenstunden – anderswo scheint die Sonne jedes Jahr zwei Wochen länger.

Kassel hat ja bei Freizeit und Natur den besten und richtig guten Teilrang von 107 erreicht.

Weil es in der Stadt ein Drei-Sparten-Theater mit vielen Besuchern (übrigens auch aus dem Landkreis) und eine richtig groß gewordene Universität gibt. Es gibt zudem viele Erholungsflächen in der Stadt, jede Menge Restaurants und Kneipen, viele Vereine, hohe Betreuungsquoten im Kindergartenalter und sogar ein bisschen mehr Sonne: 1476 Stunden im langjährigen Mittel.

Menschen, die gern und gut in Nordhessen leben, werden sich wohl angesichts der hinteren Plätze für Stadt und Kreis doch sicher wundern?

Wer sich lieber selbst überlegt, was für ihn wichtig ist, lässt das Ranking außer acht und schaut sich die Detailergebnisse an. „Wir haben das ganz bewusst transparent gemacht“, sagt Peter Kaiser, Bereichsleiter bei der Prognos AG. So kann jeder die Einzelergebnisse für sich selbst gewichten und dabei zu einem ganz anderen, aber persönlichen Ranking kommen.

Ergebnisse im Netz nachzulesen

AbFreitag, 18. Mai, sind die Detailergebnisse der großen wissenschaftlichen Studie zu den Lebensverhältnissen in Deutschland mit Zahlen für alle 401 Kreise und kreisfreien Städte in 53 verschiedenen Kriterien im Internet nachzulesen.

Das ZDF sendet am Dienstag, 22. Mai, um 20.15 Uhr die Dokumentation „Wo lebt es sich am besten? Die große Deutschland-Studie“. Ab Freitag steht die Sendung auch bereits in der ZDF-Mediathek zum Anschauen per Internet zur Verfügung.

Umfrage: Der Traum vom Leben auf dem Land

Obwohl die großen deutschen Städte starken Bevölkerungszuwachs haben, wünschen sich 44 Prozent der Deutschen ein Leben in einem Dorf auf dem Land. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage für die ZDF-Sendung „Wo lebt es sich am besten?“ zur aktuellen Deutschland-Studie. 39 Prozent favorisieren eine kleinere Stadt. Nur 16 Prozent bevorzugen eine Großstadt als Wohnort. 

In Deutschland lebt allerdings fast ein Drittel (31 Prozent) der Bevölkerung in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Die Befragten sollten ihren Wunsch-Wohnort unabhängig von beruflichen oder privaten Einschränkungen nennen. Von den jungen Leuten unter 30 will jeder Vierte (26 Prozent) gern in der Großstadt leben. So hoch ist dieser Wert in keiner anderen Altersgruppe. 

Bei den über 70-Jährigen ist dagegen der Wunsch nach einem Leben auf dem Dorf mit 39 Prozent etwas geringer ausgeprägt als in der gesamten Bevölkerung. Für die repräsentative Umfrage hat das Meinungsforschungsinstitut „Forschungsgruppe Wahlen“ im März dieses Jahres insgesamt 1214 Personen befragt.

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