Die documentale 14 sorgte im Kasseler Staatstheater für Verwirrung

Ausgeklügelte Persiflage: Bei der documentale 14 nahmen Eva-Maria Keller (Bild links) sowie Franz Josef Strohmeier und Anna-Maria Hirsch (Bild rechts) den Kunstbetrieb aufs Korn. Fotos: Fischer 

Kassel. „Die Birne ist aufgrund ihrer Form ein Symbol für weibliche Fruchtbarkeit, und sie stand Pate für die Glühbirne, die wiederum für Erleuchtung steht. Kann es ein schöneres Symbol für Feminismus geben?“

Ergriffen schaut die Kuratorin Ruth Bossi ins Publikum, das sich am Sonntagvormittag im Foyer des Schauspielhauses versammelt hat. Vorgestellt wird die documentale 14, „die international führende Ausstellung aktueller Kunst“.

Zumindest zu Beginn der Matinee ist nicht jedem der rund 70 Besucher klar, was genau hier eigentlich stattfindet. Ein Aprilscherz? „Nein! Stand gestern in der Zeitung, wir haben das extra zweimal gelesen“, ist vom Nebentisch zu hören. Auch dass Ruth Bossi eine auffallende Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Eva-Maria Keller hat, wird nicht von allen registriert. Ihr Name allerdings verwirrt: „Die hieß doch irgendwie anders ...?“

Nein, die documentale ist nicht die documenta, und Ruth Bossi ist nicht Carolyn Christov-Bakargiev. Das Ganze ist auch keine Gegenveranstaltung zur tatsächlich bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, sondern eine ziemlich ausgeklügelte Persiflage - nicht nur auf die documenta, sondern auch auf Kuratoren- und Künstlerjargon und den Kunstbetrieb im Allgemeinen. Im Grunde ist die documentale selbst eine Mischung aus Performance und Konzeptkunst, inklusive Website und Katalog mit brillanten Ausführungen zu fiktiven Künstlern und Werken.

Vier der Teilnehmer werden auf die Bühne geholt, wo sie sich gegenseitig Preise verleihen und im anschließenden Podiumsgespräch einen irrwitzigen Schlagabtausch liefern: Sebastian Castro (Björn Bonn), „autoästhetischer Performist“, der seine DNS in Parfümflacons abfüllt.

Traugott Wagner (Aljoscha Langel), genialischer Bad Boy der zeitgenössischen Kunst, und sein Gegenpart Elias Olafsson (Franz Josef Strohmeier), dessen zentrale Arbeit „No Place to Swing a Cat?“ aus einer am Schwanz aufgehängten, rotierenden Perserkatze besteht: ein „ambivalentes Meisterwerk zwischen Edelkitsch und Tierakrobatik“. Und schließlich die politisch überambitionierte Creasy Pucker (Anna-Maria Hirsch), die für ihre sinnentleerten Fremdwortkaskaden Szenenapplaus des zunehmend begeisterten Publikums erntet. Nicht mehr reisefähig und deshalb „live aus Tuzla“ zugeschaltet ist Jürgen Wink als greiser Malerfürst Dragan Plavic, der zärtlich den (birnenförmigen) Preis für sein Lebenswerk streichelt und nur noch „very, very nice“ murmeln kann.

Erdacht wurde die Aktion vom Kunsthistoriker und Fotografen Boris von Brauchitsch. Viele seiner documentale-Texte kann man nachlesen - aber sich auf die Suche nach der eigentlichen Ausstellung begeben, das sollte man eher nicht.

Von Fabian Fröhlich

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