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Debatte um gewalttätige Jugendliche: „Zeit, dass Tacheles geredet wird“

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Von: Florian Hagemann, Sebastian Schaffner

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Für die Freiwillige Feuerwehr in Niestetal im Einsatz: Engin Caliskan.
Für die Freiwillige Feuerwehr in Niestetal im Einsatz: Engin Caliskan. © Privat/nh

Nach der Gewalt gegen Rettungskräfte an Silvester in Berlin ist eine Debatte in ganz Deutschland aufgekommen. Feuerwehrmann Engin Caliskan aus Niestetal hat einen Migrationshintergrund und meint: Es muss mal Klartext geredet werden.

Kassel / Niestetal – Engin Caliskan ist noch immer ganz aufgebracht. Die Ereignisse in Berlin rund um die Silvesternacht lassen ihn nicht los. Von Kollegen bekommt er immer wieder Videos geschickt, die zeigen, wie gewalttätig Jugendliche und andere dort gegen Rettungskräfte vorgegangen sind. Caliskan zückt wie zum Beweis sein Handy und sagt: „Es wird mal Zeit, dass Tacheles geredet wird.“ Er spricht von Terror gegen Feuerwehr und Sanitäter.

Engin Caliskan ist selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr in Niestetal und stellt bei seinen Einsätzen fest, dass der Respekt vor Einsatzkräften spürbar schwindet. Aber das, was er aus Berlin sieht und hört, hat er noch nicht erlebt. Das treibt ihn um. Vor allem will er eins: nichts schönreden.

Dazu gehört aus seiner Sicht auch und vor allem, sich mit der Gewaltbereitschaft der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu befassen. Er sagt: „Viele meiner deutschen Kollegen trauen sich nicht, das direkt anzusprechen, weil sie Angst haben, in diesem Land dann gleich als ausländerfeindlich abgestempelt zu werden. Ich habe damit kein Problem, weil ich selbst einen Migrationshintergrund habe.“ Caliskans Eltern kommen aus der Türkei, er ist Moslem. Seit Langem ist er integrationspolitischer Sprecher der CDU Kassel Land.

Engin Calsikan spricht von einem Clan-Problem – insbesondere in Berlin mit den arabischen Mitbürgern. Dabei ist es ihm wichtig, nicht zu verallgemeinern. „Es sind bestimmte Gruppen“, sagt er. Der Hass der Clans auf den Staat komme auch bei den Gewalttaten der Jugendlichen gegenüber den Einsatzkräften zum Ausdruck. „Das sind keine Jugendlichen, die Alkohol getrunken haben und meinen, mal ein bisschen Radau zu machen. Das ist kein Dumme-Jungen-Streich. Da steht eine Struktur dahinter.“

Engin Caliskan vermisst einen härteren Umgang mit den Tätern. Er verlangt härtere Gesetze, härtere Strafen, mehr Schutz für die Rettungskräfte durch die Polizei, Kameras für die Einsatzfahrzeuge und eine konsequentere Justiz. „Da passiert kaum was“, sagt er. „Es kann nicht sein, dass alle, die da festgesetzt worden sind, kurze Zeit später wieder auf freiem Fuß sind. Ich hätte gern mal einen Berliner Richter in einem der Rettungswagen gesehen, der mit Böllern beschossen wird. Dann würde er die Lage sicher anders beurteilen. So kommt es einem vor, als lebten wir in einer Bananenrepublik.“

Vor allem aber fordert der 42-Jährige mehr Einsatzkräfte, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben und den auffälligen Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Ansage machen – in ihrer Muttersprache. „Nur das akzeptieren sie“, sagt er. „Sie würden sich dann dreimal überlegen, ob sie wirklich noch straffällig werden wollen. Wenn sie aber ein Hans Schmidt auf Deutsch anspricht, wird das nicht ankommen.“ Das Problem: Caliskan kennt fernab seiner eigenen Person keinen anderen Feuerwehrmann mit Migrationshintergrund in seinem Umfeld in und um Kassel herum.

Engin Caliskan ist immer noch in Rage. Er beruhigt sich erst ein bisschen, als er über die eigenen Silvestereinsätze mit der Freiwilligen Feuerwehr Niestetal erzählt. Er berichtet von einem Brandeinsatz in der Nacht und von der großzügigen Hilfe einer Familie in der Nachbarschaft. „Sie hat uns extrem unterstützt“, sagt Caliskan. Und dann sagt er noch, dass es eine arabische Familie war. „Ich pauschaliere nicht.“ (Florian Hagemann und Sebastian Schaffner)

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