260 Lehrer stehen befristet unter Vertrag – Oft entsteht für sie über Jahre Unsicherheit

Zeitarbeiter in den Klassen

260 von 3952 Lehrern in Kassel und im Landkreis arbeiten auf Basis befristeter Verträge, sagt das Schulamt. Die Lehrergewerkschaft GEW geht von etwa 350 Lehrern aus. Nicht selten entstehen ihnen dadurch erhebliche Nachteile, zum Beispiel Hartz IV, wenn Berufseinsteiger keine Folgeverträge erhalten. Unser Symbolbild zeigt eine typische Unterrichtssituation an einem Gymnasium. Foto: dpa

Kassel. Er hat sich gut vorbereitet auf den Lehrerberuf, Studium, Referendariat, sein erster Arbeitsvertrag, dann sein zweiter, sein dritter.

Doch Freude will bei Franz Nolle (Name von der Redaktion geändert) nicht aufkommen: Seine Verträge waren bislang nur befristete Vertretungsverträge – mal für einige Monate, mal nur für wenige Wochen. In dieser Zeit sprang er für Kollegen ein. Direkt nach den Sommerferien hat er nun wieder angefangen, arbeiten kann er bis zum Frühjahr. „Danach ist erneut alles offen“, sagt er.

Schon viel hat Nolle von Kettenverträgen gehört, und davon, als Lehrer über Jahre nicht sicher sein zu können, ob es nach Ablauf einer befristeten Stelle mit dem Lehrerberuf weitergeht. Er hat große Sorge, sich künftig von Vertrag zu Vertrag hangeln zu müssen. Viel schlimmer ist aber seine Angst vor Hartz IV.

Zwar hat er als Referendar Geld verdient, aber eben als Beamter auf Probe. Mit diesem Status hat er keine Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. „Somit hat er auch keine Ansprüche auf Arbeitslosengeld I“, sagt Jennifer Kunz von der Agentur für Arbeit Kassel. „Wird sein Vertrag nach Beendigung der Befristung nicht verlängert, muss er Hartz IV beim Jobcenter beantragen“, sagt Kunz. Erst wenn er innerhalb von zwei Jahren mindestens eine zwölfmonatige Arbeitszeit nachweisen kann, hat er Anrecht auf das wesentlich höher angesetzte Arbeitslosengeld I. Aber genau das kann Nolle eben nicht nachweisen.

Es gibt keine Zahlen

Für Heike Lühmann, Bezirksvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, sind das unhaltbare Zustände. So hätten zum Ende des letzten Schuljahres von rund 4000 in Stadt und Landkreis arbeitenden Lehrern immer noch gut 350 auf Basis befristeter Arbeitsverträge – sogenannter Vertretungsverträge – gearbeitet. Das Staatliche Schulamt (SSA) spricht von 260 Lehrern.

Wie viele Lehrer sich seit mehreren Jahren von Vertrag zu Vertrag hangeln, sei nur schwer abschätzbar, sagt Lühmann. Tatsächlich kann auch das SSA keine zuverlässige Zahl nennen. Fakt ist, dass Lehrer immer noch innerhalb von zehn Jahren bis zu 13-mal befristet angestellt werden dürfen, bevor sie fest übernommen werden müssen.

Nolle zumindest hatte sich den Start in den Lehrerberuf anders vorgestellt. Jetzt fühlt er sich im Vergleich zu den verbeamteten Kollegen als „unterbezahlter Zeitarbeiter“, wie er sagt.

„Auch für die Schüler ist diese Praxis pädagogisch völlig unsinnig“, ergänzt Lühmann. „Die haben überhaupt keine Zeit mehr, sich an den Lehrer zu gewöhnen.“

Von Boris Naumann

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