Internet-Projekt „Erinnerungen im Netz“ hat sich etabliert – Einmalig in Hessen

Zeitfenster für den Osten

Bislang einzigartig in Hessen: Das Projekt „Erinnerungen im Netz“ wird aktuell von (von links) Volker Renkwitz, Elke Resch, Erhard Schaeffer, Bernd Schaeffer, Falk Urlen, Gerhard Böttcher und Hüseyin Bulut getragen. Sie decken den Kasseler Osten mit den Ortsteilen Bettenhausen, Waldau, Forstfeld und Unterneustadt ab. Foto: Naumann

Bettenhausen. Neulich telefonierte Erhard Schaeffer sogar mit New Orleans. Dran war Irene Moor – ihre Mutter hatte die Bombennacht am 22. Oktober 1943 in Kassel erlebt. Damals wohnte sie mit Familie noch in der Unterneustadt.

Die Geschichte des Untergangs ihrer Heimat hatte sie aufgeschrieben, nachdem sie nach Amerika ausgewandert war. Jetzt, viele Jahre später, fand die Tochter den Text – und es stellte sich die Frage, wohin mit diesem Stück Geschichte. Moor forschte und wurde fündig – „Erinnerungen im Netz“, Agathof, Bettenhausen: Das war für sie die richtige Adresse.

Erhard Schaeffer ist einer von sieben Leuten, die Geschichte von Zeitzeugen sammeln – und damit das Projekt „Erinnerungen im Netz“ lebendig halten. Mit viel Einsatz arbeiten er und seine Kollegen gegen das Vergessen an, sie recherchieren, sammeln und schreiben, sie kooperieren mit Kontaktpersonen aus Kassel und der ganzen Welt. Sie haben ein Ziel: Die Bewahrung der Geschichte des Kasseler Ostens mit den Ortsteilen Bettenhausen, Forstfeld, Waldau und Unterneustadt.

Lebendige Geschichte

Ihr Mittel, um all die Erinnerungen lebendig zu halten, ist das Internet. Seit 2009 veröffentlichen sie Texte, Bilder und sogar Videos im World Wide Web. „Seit wir vom Land gefördert werden, ist unser Projekt in sicherem Fahrwasser“, sagt Bernd Schaeffer, der die Historiker-Gruppe mit Volker Renkwitz, Elke Resch, Erhard Schaeffer, Falk Urlen, Gerhard Böttcher und Hüseyin Bulut koordiniert.

Fast alle im Team sind Kasselaner Urgesteine. Urlen zum Beispiel: 21 Jahre war er Ortsvorsteher im Fortsfeld. Sein Keller ist voll mit historischem Material. Seit 40 Jahren sammelt er, was er in die Finger kriegt. Oder Gerhard Böttcher. In der Unterneustadt war er zwölf Jahre Ortsvorsteher. Das örtliche Kirchenarchiv ist in seiner Obhut.

Und so geht es zunächst einmal darum, all das Material zu sichten und aufzuarbeiten. Inzwischen verfügt die Gruppe über 5000 Fotos und weit über 500 Schriftstücke – Festschriften, Vereinschroniken, Flugblätter, Familienstammbücher und Briefe. Hinzu kommen all die Erzählungen der Menschen vor Ort, die die Gruppe sammelt.

Jeder arbeitet stets an einem Thema. Meist kommen kurze Texte dabei heraus, die dann im Internet veröffentlicht werden. Rund 200 Aufsätze sind bereits abrufbar, gegliedert in die Themenbereiche Gebäude, Straßen, Firmen, Feste, Kultur und Menschen.

200 Texte im Netz

Für die Gruppe „Erinnerungen im Netz“ ist es nicht nachvollziehbar, warum sie hessenweit bislang alleine auf weiter Flur stehen. An dem Projekt könnten sich Geschichtskreise und -gruppen aus dem ganzen Bundesland beteiligen – „die Förderung ist gesichert“, sagt Bernd Schaeffer. Gerne wollen sie ihre Erfahrungen nach außen tragen und anderen helfen, wenn es darum geht auch anderswo das Portal zu etablieren. „Viel zu viel Wissen ginge sonst verloren“, sagt Erhard Schaeffer – so wie die Geschichte von Irene Moors Tochter. Schon bald soll sie auf www.erinnerungen-im-netz.de zu lesen sein.

Die Gruppe „Erinnerungen im Netz“ trifft sich jeden Donnerstag von 10 bis 12 Uhr im Agathof an der Agathofstraße 48, Tel. 0651/57 24 82.

Von Boris Naumann

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