Auf der Suche nach Patienten

Zeltstadt Calden: Untersuchungen durch Bürokratie erschwert

Vorsorglicher Piks: Die Kinder einer Flüchtlingsfamilie aus Damaskus (Syrien) warten in Berlin im Landesamt für Gesundheit und Soziales auf ihre Impfung unter anderem gegen Mumps und Masern. Foto:  dpa

Kassel. Wieder einmal wartet die Kinderärztin auf Patienten. Kinder sollen untersucht und geimpft werden. Doch wie so oft bleibt die Untersuchungsliege leer.

Weil es einmal mehr nicht gelungen ist, Kinder und Eltern in dem Flüchtlingscamp in Calden ausfindig zu machen. „Es hapert einfach an der Kommunikation“, sagt Kinderärztin Johanna Schafft-Sommer.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie groß die organisatorische und logistische Herausforderung ist, tausende von Flüchtlingen zu versorgen. So werden jetzt zum Teil Flüchtlinge erstuntersucht, die sich bereits seit Juli in Erstaufnahmelagern aufhalten und darauf hoffen, in eine kleinere Zweitunterkunft in einer Kommune wechseln zu können. Dies hängt aber entscheidend auch davon ab, dass die Erstuntersuchung stattgefunden hat.

„Die Menschen haben den Eindruck, dass die Organisatoren keinen Überblick haben“, sagt die Medizinerin aus Immenhausen. So reagierten viele mit Ungeduld und Unmut. Denn leider bestätige sich dieser Eindruck allzu häufig, was sich am Beispiel der Untersuchungsbögen zeige.

Diese müssen auf Papier noch aufwendig per Hand ausgefüllt werden. Dabei geht der Arzt, häufig unterstützt von Dolmetschern (die jedoch nicht immer zur Verfügung stünden), mit dem Asylbewerber beziehungsweise den Eltern eines Flüchtlingskindes die bisherige Krankheitsgeschichte und auch den Impfstatus durch. Einige dieser ausgefüllten Bögen fänden jedoch offensichtlich nicht den vorbestimmten Weg nach Gießen in die zentrale Erstaufnahnme, seien nicht mehr auffindbar. Darum müssten Erstuntersuchungen in diesen Fällen wiederholt werden.

Hier würde es schon helfen, von einer umständlichen und offenbar pannenanfälligen Papierbürokratie auf Computer umzusteigen, wünschen sie die Ärzte. „Alle bemühen sich wirklich sehr, und es sind viele willige Helfer da, aber die Logistik ist sehr schwierig“, hält Johanna Schafft-Sommer vor Augen. Immerhin sind nach Informationen unserer Zeitung in Calden mithilfe vieler freiwilliger Ärzte bereits über 1000 Flüchtlinge erstuntersucht worden. In der Zeltstadt auf dem alten Flughafen Calden leben derzeit rund 1500 Asylsuchende, wobei ständig Flüchtlinge dazu kommen beziehungsweise das Camp verlassen.

In der Erstaufnahmeunterkunft in der Kasseler Landesfeuerwehrschule, wo derzeit rund 500 Menschen leben, klappt es mit den Erstuntersuchungen insgesamt wohl besser. Es sei jedoch schwierig, einmal behandelte Patienten wieder zu sehen, um den Behandlungserfolg zu kontrollieren, schildert der Kasseler Kinderarzt Alfons Fleer. Das Hauptproblem sei seiner Ansicht nach einfach die Massenunterbringung in den Erstunterkünften. Diese bringe vielfältige Probleme mit sich und sei für die Flüchtlinge, die dort oft wochen- und monatelang ausharren müssten, schlicht unmenschlich.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.