Zensusfragebögen an Verstorbene: Post kam neun Jahre nach dem Tod

Brief an tote Tochter: Karla und Adolph Först erhielten kürzlich Zensus-Post, die nicht für sie bestimmt war. Foto: Koch

Kassel. Offenbar haben weit mehr Tote Post für den Zensus erhalten, als bisher bekannt war. Nach Angaben des Landesamtes für Statistik könnten rein rechnerisch Fragebögen an 16.000 verstorbene Immobilienbesitzer gegangen sein. Grund sollte der relativ frühe Stichtag am 1. April 2010 gewesen sein.

Doch der HNA-Redaktion haben mehrere Leser berichtet, dass sie Zensus-Post erhalten haben, die an Angehörige adressiert war, die weit vor dem Stichtag gestorben sind. Bei den Betroffenen haben diese Fälle für Empörung und Unverständnis gesorgt.

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Dass Änderungen nach dem Stichtag nicht mehr berücksichtigt worden sind, „kann passieren“, sagt Karla Först aus dem Kasseler Stadtteil Harleshausen. „Nicht in Ordnung“ sei hingegen, dass ihre Tochter noch einen Zensus-Fragebogen ausfüllen soll, obwohl sie vor drei Jahren gestorben ist. Wenige Wochen nach dem Todesdatum im Sommer 2008 sei das Haus auf sie und ihren Mann Adolph überschrieben worden, sagt Karla Först.

Mit solchen Briefen würden Angehörige erneut an schmerzliche Momente erinnert. Alte Wunden würden aufgerissen.

Den Zensus-Brief an ihre verstorbene Tochter wollen Karla und Adolph Först nicht an das Statistsiche Landesamt zurücksenden. Es sei nicht einzusehen, dafür auch noch Porto auszugeben.

Ähnlich verärgert ist auch ein Leser aus Kaufungen, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Er möchte aber anonym bleiben. In seinem Postkasten hatte ein Brief zum Zensus gelegen, der an seine Frau adressiert war. Nur ist sie schon vor mehr als neun Jahren gestorben.

„Das ist eine Frechheit“, sagt der Kaufunger. „Und pietätlos.“ Dass solche Fehler nach so langer Zeit passieren, sei ihm völlig unverständlich. „Bei uns im Staat wird alles dokumentiert.“ Da könne man erwarten, dass nach neun Jahren keine Briefe von Behörden mehr an Verstorbene geschickt werden, zumal das Haus im Jahr 2002 ziemlich schnell umgeschrieben worden sei. Auch er will den Brief nicht an das Statistische Landesamt zurücksenden.

Schmerzliche Erinnerungen wurden auch bei Helene Engel aus dem Kasseler Stadtteil Waldau wachgerufen. Sie hatte einen Zensus-Brief im Postkasten, der für ihren Mann bestimmt war. Er sei im April 2009 gestorben. Aber schon im Dezember 2008 sei das Haus an ihre Tochter überschrieben worden. Geradezu wütend sei sie geworden, als sie in der Zeitung las, dass es nicht nur ihr so ging. „Ich hätte platzen können“, sagt Helene Engel.

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