Im Schnitt 600 Anrufe in 24 Stunden 

Zentrale für Notrufe in Nordhessen: Ein Besuch bei der Polizei-Leitstelle Kassel

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Blick über die Schulter: Polizeisprecher Torsten Werner lässt sich von Polizeioberkommissarin Sandra Schubert das System in der Leitstelle zeigen. Sie schickt die Streifenwagen zu den Einsätzen.

Kassel. Seit dem 1. März gehen alle Notrufe, die in Nordhessen an die 110 abgesetzt werden, in der Leitstelle in Kassel ein. Wir haben die Beamten einen Abend begleitet.

Auch wenn man nicht verstehen kann, was die Frau am anderen Ende der Leitung sagt, so bekommt man doch mit, dass sie sehr aufgeregt ist. Freitagabend in der Leitstelle des Polizeipräsidiums Nordhessen. Um 20.26 Uhr hat Polizeioberkommissar Torben Naß den Anruf entgegengenommen. Wie er später berichtet, hat ihm die Frau aus Lohfelden erzählt, dass die neue Lebensgefährtin ihres Expartners sie am Telefon bedroht hat. Die Anruferin sucht nun Hilfe bei der Polizei.

Naß hält den Vorgang im System fest und veranlasst, dass ein Streifenwagen zu der Frau geschickt wird. Vor Ort befindet sich nämlich noch ein Zeuge, der die Bedrohung mitbekommen hat. Zwei Streifenwagen haben die sieben Polizisten, die in dieser Nacht in der Leitstelle Dienst haben, bereits nach Wehlheiden zur Hentzestraße geschickt. Um 19.40 Uhr hatte ein Anwohner die 110 gewählt, weil dort eine verdächtige Person in Hauseingänge geschaut hat.

Ebenfalls aus Wehlheiden geht um 20.45 Uhr ein Notruf ein. Eine vermummte Person habe in ein Sonnenstudio gelangen wollen. Die Tür war aber bereits abgeschlossen. Die Polizei kann keinen Verdächtigen mehr vor Ort entdecken.

Ein Fall häuslicher Gewalt in Bad Arolsen wird gemeldet, einige Unfälle und ein Lastwagen, der auf dem Standstreifen der Autobahn 7 parkt. Insgesamt geht es in dieser Nacht sehr ruhig zu. Bis zum Dienstende am Samstagmorgen werden innerhalb von zwölf Stunden nur 140 Einsätze auf der Leitstelle festgehalten. Und das für ganz Nordhessen. Aufgrund der Minustemperaturen sind viele Menschen zu Hause geblieben. Das wirkt sich auch auf die Arbeit in der Leitstelle aus.

600 Anrufe

Im Schnitt gehen hier 600 Anrufe innerhalb von 24 Stunden ein. 18.000 pro Monat, 216.000 Anrufe pro Jahr. Die Notrufnummer 110 werde immer häufiger gewählt, berichtet Polizeioberkommissar Carsten Braun. Das sei natürlich auch darauf zurückzuführen, dass heutzutage jeder ein Handy dabei hat. Wenn ein Spanngurt auf der Autobahn liegt, würde das mittlerweile von 50 Anrufern gleichzeitig über die 110 gemeldet. Früher hat vielleicht einer die Polizei deshalb angerufen.

Zudem betrachteten viele Menschen die 110 nicht mehr als Notruf, sondern als Service-Hotline der Polizei, sagt Braun. Nicht selten komme es vor, dass Menschen anrufen, die sich über ihren Nachbarn ärgerten, weil der den Gehweg nicht geräumt habe. „Wir sind dann sehr freundlich am Telefon und teilen aber mit, dass dies nichts für die Polizei ist.“

Auch der demografische Wandel mache sich in der Leitstelle bemerkbar. „Wir bekommen immer mehr Anrufe von dementen Menschen“, sagt Braun. Eine alte Dame habe ihn wiederholt angerufen und gemeldet, dass ihr Marmeladenbrot verschwunden sei. Man schicke natürlich auch eine Streife zu verwirrten Menschen. „Wir können ja eine Straftat nicht ausschließen. Im Zweifel schauen wir nach.“

Auch Kurioses

Manche Anrufe sind einfach nur kurios. Der Erste Polizeihauptkommissar Frank Skubski, stellvertretender Leiter des Führungs- und Lagedienstes, berichtet von einer Frau, die sich kürzlich Hilfe bei der 110 erhoffte. Ihre 15-jährige Tochter sei schwanger und sie habe einen Verdacht, wer der Vater des Kindes ist. Der junge Mann wolle die Vaterschaft aber nicht einräumen. Die Frau forderte deshalb die Polizei an, damit der Mann zu einem Geständnis bewegt werde. Dieser Wunsch wurde nicht erfüllt.

Es habe aber auch schon Anrufe von Müttern gegeben, die nicht mit ihrem neunjährigen Kind zurechtkommen, sagt Skubski. „Da hat mein Kollege dann ein Erziehungsberatungsgespräch mit der Frau geführt.“ Es komme auch vor, dass Eltern die 110 wählen, weil ihre 15-jährigen Kinder randalieren. Da werde dann natürlich ein Streifenwagen geschickt.

Sie nehmen die Gespräche unter 110 entgegen: Die Polizeioberkommissare Torben Naß (vorne) und Marc Seelig.

Besonnen reagieren

Ganz wichtig ist, dass die Beamten, die auf der Leitstelle sitzen, besonnen reagieren. „Wir brauchen abgeklärte Profis, die alle wichtigen Informationen erfragen“, sagt Skubski. Die Gesprächspartner am anderen Ende sind nämlich oft sehr aufgewühlt.

Polizeioberkommissar Marc Seelig hat um 20.20 Uhr einen aufgeregten Autofahrer am Telefon, der bei Wabern einen Unfall hatte. Selig fragt mehrmals nach, wo der Unfall genau passiert ist, um eine Streife hinschicken zu können. Ihm macht es auch nichts aus, dass er von dem Anrufer geduzt wird. „Das kommt öfters vor“, sagt Seelig. „Weißt Du eigentlich, was bei uns los ist, sagen manchmal Anrufer zu mir.“

„Wenn Vollmond ist, rufen mehr Leute an. Da habe ich so meine Pappenheimer“, sagt Naß. Und den Monatsanfang merke man auch auf der Leitstelle, erzählt Seelig. Da hätten die Leute mehr Geld, was sich auch im gesteigerten Alkoholkonsum niederschlage. Folge seien mehr Konflikte und Körperverletzungen rund um den Ersten.

In der Nacht zum Samstag ist relativ wenig los auf der Leitstelle. Um 2.25 Uhr meldet sich noch eine Frau aus Zierenberg, die Geräusche an der Terrassentür gehört hat und befürchtet, dass ein Einbrecher im Haus ist. Die Leitstelle schickt einen Streifenwagen. Die Polizisten entdecken aber niemanden. Auch im Schnee sind keine Spuren einer Straftat zu finden. Zudem werden am frühen Samstagmorgen umgestürzte Bäume bei Trendelburg und Melsungen gemeldet.

Ist dieser Nachtdienst relativ ruhig verlaufen, so sieht es in der Nacht zum Sonntag ganz anders aus. Da wählen zahlreiche Nordhessen die 110, weil zwischen 100 und 150 Bäume aufgrund der Wetterlage auf Bundes- und Landesstraßen gestürzt sind.

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