Zeugenaussage

Lübcke-Prozess: Ehemaliger Kopf von Neonazi-Gruppe sagt aus 

Angeklagt: Der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan Ernst gilt als Hauptverdächtiger. Am Donnerstag wurde ein früherer Neonazi als Zeuge vernommen, mit dem Ernst geschrieben haben soll.
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Angeklagt: Der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan Ernst gilt als Hauptverdächtiger. Am Donnerstag wurde ein früherer Neonazi als Zeuge vernommen, mit dem Ernst geschrieben haben soll.

Alexander S. kannte nicht nur Markus H., sondern auch Stephan Ernst, den Hauptangeklagten im Lübcke-Prozess. Jetzt sagte er als Zeuge aus.

Kassel - Vier Minuten und 32 Sekunden dauerte das Telefonat zwischen dem Neonazi Markus H. und seinem Freund Alexander S. Telefoniert hatten die beiden am Nachmittag des 1. Juni. In der folgenden Nacht wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke auf seiner Terrasse in Wolfhagen-Istha erschossen. Der Grund des Anrufs – so sagte es Alexander S. am Donnerstag als Zeuge vor dem Oberlandesgericht Frankfurt aus – sollte eine Verabredung am nächsten Tag gewesen sein.

Alexander S. kannte nicht nur Markus H., sondern auch Stephan Ernst, den Hauptangeklagten im Lübcke-Prozess. Ernst hatte ausgesagt, dass er nicht nur mit Markus H. über den verschlüsselten Messenger-Dienst Threema gechattet hatte, sondern auch mit S.

Dabei soll es allerdings nie um politische Themen gegangen sein, sondern lediglich darum, dass Ernst S. bei der Erstellung eines Bauteils für dessen Studium helfen sollte. Zu finden sind diese Chats heute nicht mehr. Als er erfahren habe, dass jemand, den er kannte, Lübcke getötet haben soll, sei er geschockt gewesen, beschreibt es S. Er habe die Chats gelöscht, weil er damit nicht in Verbindung gebracht werden wollte. Dass ihn diese Konversationen vielleicht auch entlasten könnten, daran habe er nicht gedacht.

„Die Hilfe für die Uni war das einzige Mal, das Stephan und ich Kontakt hatten“, beantwortete S. die Frage des Vorsitzenden Richters. Sonst habe er Ernst auf zwei AfD-Veranstaltungen gesehen – etwa auf einer Kundgebung am 1. Mai 2017. „Ernst ist gefahren, auch sein Sohn war dabei“, sagt S. Markus H. und er hätten auf dem Rücksitz gesessen.

Telefonisch hatten sich S. und Markus H. am 1. Juni für den nächsten Tag verabredet, den Sonntag nach der Tat, von der er nichts gewusst habe. Sie wollten einen Flohmarkt in Waldau besuchen. Anschließend seien sie noch in die Kasseler Innenstadt gegangen. Markus H. sei dabei wie immer gewesen. Später am Abend hätte er S. einen Link zu einem Online-Artikel über die Tötung des Regierungspräsidenten geschickt. Allerdings ohne jegliche Kommentare. Man habe sich immer mal gegenseitig Links zu „aktuellen Themen“ geschickt.

Der Kontakt zwischen H. und ihm sei sehr unregelmäßig gewesen: „Wir haben uns auch mal zwei Jahre nicht gesehen.“ Eigentlich will er mit der Neonaziszene seit 2014 nichts mehr zu tun haben. Danach sei er nur noch auf ein, zwei Veranstaltungen gewesen. Dass er von 2008 bis 2014 sehr aktiv war, räumt er aber ein. „Ich würde meine Einstellung damals als politisch rechts beschreiben. Ich habe die NS-Zeit verherrlicht.“

Bei einer Durchsuchung der Wohnung von S. fanden Ermittler vor Jahren Nazipropaganda und Anleitungen für den Bau von Bomben. Dazu wollte sich S. am Donnerstag nicht äußern. Er betonte, dass Markus H. und er überrascht gewesen seien, als sie erfahren hätten, dass Ernst die Tat begangen haben soll. Die Befragung des Zeugen war geprägt von Erinnerungslücken. Mehrfach lautete die Antwort: „Nicht dass ich wüsste.“

In seiner Erklärung sagte Alexander Hoffmann, Anwalt des Nebenklägers Ahmad E., abschließend: „Wir haben heute einen Zeugen gehört, der nicht gesagt hat, was er wusste.“ (Von Kathrin Meyer)

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