Der Zeuge würde lieber schweigen

Landgericht verhandelt über Raubvorwurf in der Drogenszene

kassel. Es ist ein ungewöhnliches Werkzeug, das Staatsanwalt Jan Uekermann am Dienstag aus der Asservaten-Tüte klaubt: Nicht groß und vom Aussehen irgendwo zwischen einer Hellebarde mit einem Hauch von Hackebeil und einem gebogenen Messer angesiedelt. Die Anklage bezeichnet das Ding als „Kürschnermesser“.

Ein 47-jähriger Kasseler soll damit im Januar 2012 einen anderen Kasseler bedroht, Geld und Drogen gefordert und 110 Euro erbeutet haben. Nicht nur wegen dieses Vorfalls, auch wegen eines zweiten im April 2012 muss der 47-Jährige sich jetzt vor dem Landgericht verantworten. Er ist des schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen angeklagt. Zu den Vorwürfen sagen will er zunächst nichts.

Das geht dem ersten Zeugen ganz ähnlich. „Ich möchte so wenig wie möglich sagen“, äußert er an einer Stelle. Doch anders als der Angeklagte hat er nicht das Recht, einfach zu schweigen. Das macht ihm Richter Jürgen Stanoschek - zeitweise recht ruppig - klar: Er ahmt den Zeugen nach. Er fährt ihn verbal an. Er sagt ihm, er könne es sich aussuchen: Entweder sei das, was er gerade von sich gebe, eine Falschaussage oder er habe 2012 bei seiner Anzeige falsche schwere Beschuldigungen erhoben.

Denn gegenüber der Polizei hatte der Mann offenbar recht detailliert geschildert, wie er am fraglichen Januartag in seiner Wohnung im Kasseler Süden mit einem Messer bedroht und geschlagen worden sei. Bei einer zweiten Vernehmung erklärte er auch, der Täter sei der jetzt Angeklagte gewesen. Er habe ihn nicht gleich identifizieren wollen, weil er sich vor ihm fürchte.

Jetzt behauptet der Zeuge, er werde nicht bedroht. Aber er liefert eine andere Version des Vorfalls - und will sich an etliches nicht erinnern. Zum Beispiel nicht an eine Drohung des 47-Jährigen: „Ich zieh dir die Haut ab.“ Als auch der Staatsanwalt nachhakt, fragt er: „Muss ich das im Detail sagen?“ „Ja, müssen Sie unbedingt“, sagt Ueckermann. Er glaube, dass der Spruch gefallen sei, äußert der Zeuge schließlich.

Er sagt auch, der Angeklagte sei damals in einem „Ausnahmezustand“ gewesen - auf Drogenentzug. Inwieweit das eine Rolle spielt, will auch das Gericht ermitteln. Eine psychiatrische Gutachterin sitzt mit im Prozess. Dass für den 47-Jährigen die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt infrage kommt, hatte die Kammer schon bei Eröffnung des Prozesses klargemacht.

Zwei weitere Prozesstage sind angesetzt.

Von Katja Schmidt

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