Wartelisten wachsen – Interessengemeinschaft wirbt für Vertrauen in Vergabeverfahren

Ziel: Mehr Organspenden

Hans-Martin Wirth

Kassel. Nach den Skandalen um eine manipulierte Vergabepraxis für Spenderorgane drohen die Wartelisten für Patienten, die dringend eine neue Niere oder Leber benötigen, länger zu werden.

„Die Zahlen gehen zurück“, sagt Professor Volker Kliem vom Nephrologischen Zentrum Hann. Münden. Das könne bedeuten, dass Patienten statt fünf künftig acht Jahre oder länger auf eine Niere warten müssten.

Davon ist beispielsweise Diakoniepfarrer Hans-Martin Wirth aus Hofgeismar betroffen. Er muss seit zwei Jahren wieder regelmäßig zur Blutwäsche (Dialyse), nachdem er zuvor elf Jahre mit einer gespendeten Niere gelebt hatte. Nun fürchtet er, dass es noch viele Jahre dauern könnte, bis er ein neues Ersatzorgan bekommt. „Das Vertrauen in das Vergabeverfahren muss zurückgewonnen werden“, sagt er. Dieses Ziel hat sich die gemeinnützige Interessengemeinschaft Organspende aus Hofgeismar (GIOS) auf die Fahnen geschrieben. „Die Bevölkerung ist verunsichert“, sagt deren Vorsitzende Gisela Schäfer. An einem Stand in der Königsgalerie werden GIOS-Vertreter für Organspenden werben. Dabei sieht die Bilanz in Hessen, wo gegen den Bundestrend 2012 sogar ein Anstieg von Organspenden zu verzeichnen war, noch relativ gut aus. „Vor seinem Tod sollte sich jeder über das Thema Gedanken machen“, sagt Schäfer.

Trotz vieler Aufklärungskampagnen entschließen sich jedoch viel zu wenige Menschen, einen Organspendeausweis auszufüllen oder einer Organentnahme in einer Patientenverfügung zuzustimmen. Patienten, die als Organspender in Betracht kommen, hätten in den wenigsten Fällen einen Organspenderausweis, sagt Dr. Christian Roth, Neurochirurg und Transplantationsbeauftragter des Klinikums Kassel. Dennoch zieht er für das Klinikum eine positive Bilanz. Bei den 17 Patienten, die 2012 als Spender in Betracht gekommen seien, habe man in 14 Fällen die Zustimmung zur Entnahme von Organen erhalten. Diesen Erfolg führt er auf die intensiven Aufklärungsgespräche mit den Angehörigen zurück, die letztlich entscheiden müssen, wenn sich der sterbende Patient nicht mehr zur Organspende äußern kann. „Da stecken wir viel Arbeit hinein. Wir haben unser ganzes Team geschult“, sagt Roth. Die Angehörigen erfahren beispielsweise, dass Organe nur entnommen werden dürfen, wenn das Gehirn des Spenders unwiederbringlich zerstört ist (Hirntod).

Keine Schuldgefühle

Klinikpfarrerin Ursula Josuttis ist ebenfalls in die Aufklärungsarbeit eingebunden. „Mein Ziel ist, dass die Angehörigen keine Schuldgefühle haben“, sagt sie. Wichtig sei ein offenes Gespräch über das Für und Wider einer Organspende. Besser wäre es allerdings, so meint Josuttis, wenn sich jeder schon zu Lebzeiten einmal zur Frage der Organspende äußern müsste. (pdi) Fotos: Dilling

GIOS-Infostand zum Tag der Organspende, Samstag, 1. Juni, Königsgalerie, 10 bis 18 Uhr.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.