Zirkus-Betreuer missbraucht Mädchen (12): Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt

+
Ein 38-jähriger Betreuer hat sich an 12-jährigem Mädchen vergangen. Nun wurde er verurteilt.

Wegen sexuellen Missbrauchs eines anfangs 12-jährigen Mädchens hat das Landgericht in Kassel einen 38 Jahre alten Mann zu zwei Jahren Haft verurteilt. Sie wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Die 1. Strafkammer mit Richter Dr. Butenuth an der Spitze folgte damit dem Strafantrag von Verteidiger Knuth Pfeifer. Staatsanwältin Pia Röde hatte zwei Jahre und neun Monate Gefängnis gefordert.

Der Angeklagte aus Kassel hatte gestanden, als Mitarbeiter des Mitmachzirkus “Zirkutopia“ in den Jahren 2015 und 2016 das Mädchen sieben Mal missbraucht zu haben. Dabei soll es zu Berührungen, aber nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen sein. Das Kind war im Alter von sechs Jahren in den von einem Verein getragenen Zirkus gekommen, der sich als Integrationsprojekt für behinderte und nicht-behinderte Kinder sowie als soziales Betreuungsangebot versteht. In kindlicher Schwärmerei für den Angeklagten wich das Mädchen dem beliebten Betreuer bald nicht mehr von der Seite.

Dabei trafen hier zwei Menschen aufeinander, die sich selbst als Außenseiter der Gesellschaft empfanden: Der Angeklagte, ein etwas korpulenter Mann, der im Gerichtssaal nach Atem rang, vor Reue und Scham mit unkontrollierbar zitterndem Kinn nur mühsam die Fassung bewahren konnte, wurde von Psychiater Dr. Georg Stolpmann als unreife, schwache und ängstliche Persönlichkeit beschrieben. Schon in der Schule gehänselt, entdeckte er mit 13, dass ihn Cannabis und Amphetamine, „Speed“, selbstbewusster und ruhiger machten. Nach abgebrochenem Sozialstudium blieb er den Drogen treu, unter deren Einfluss er die Arbeit im Zirkus meisterte und zu einem bei Kollegen und Kindern geschätzten Kollgen wurde.

Das Mädchen erlitt schon im Mutterleib eine Alkoholschädigung und wurde als zu 50 Prozent schwerbehindert eingestuft. Der Gerichtsverhandlung folgte die schmale 15-Jährige in aufmerksamer Ruhe. Die Schwärmerei für den Angeklagten führte im Dezember 2015 zu einem Kuss in der Küche. Da war das noch heute kindlich wirkende Mädchen gerade zwölf und glaubte, jetzt „ginge“ sie mit dem Angeklagten.

Der Angeklagte wiederum reagierte auf die intensive Zuneigung des Kindes zu ihm nicht mit professioneller, aber Abstand wahrender Freundlichkeit, sondern forcierte später sogar sexuelle Handlungen, die das Kind so nicht wollte. Das Gericht hielt dem Mann zugute, dass er stets sofort aufhörte, wenn das Mädchen dies forderte.

Gleichwohl waren sich alle Prozessbeteiligten in der Einschätzung einig, dass der Angeklagte die Verantwortung für die Übergriffe trägt. Für ihn spreche die Reue und der Umstand, dass er auf eigene Initiative Therapien zum Drogenentzug machte und seit zwei Jahren clean ist.

Verteidiger Pfeifer übte in seinem Plädoyer auch Kritik an den anderen Mitarbeitern im Zirkus, der vom städtischen Jugendamt gefördert wird. Die hätten von der Drogensucht des Angeklagten gewusst, aber nichts dagegen unternommen. In Freizeitcamps hatten die Kollegen aber die überaus enge Bindung des Kindes an den Angeklagten bemerkt und für eine stärkere Trennung der beiden gesorgt.

Das sagt der Verein Zirkutopia

Von einem ernsthaften Drogenproblem des Mitarbeiters habe man nichts gewusst, sagt Bettina Malorny vom Vorstand des Vereins Zirkutopia auf Anfrage der HNA. Erst im Nachhinein habe man erfahren, dass unter den Kollegen bekannt war, dass der Mann manchmal Cannabis in seine Zigaretten bröselte. Dem Mitarbeiterteam des Zirkus sei zwar aufgefallen, dass das Mädchen sehr anhänglich an den Kollegen war. Sexuelle Handlungen seien aber von niemandem beobachtet worden. 

Der Mitarbeiter habe in Teamsitzungen sogar selbst noch thematisiert, dass das Mädchen zu stark seine Nähe suche und um Hilfe gebeten. Daraufhin sei vereinbart worden, dass er nicht mehr allein mit dem Mädchen in einem Raum bleibe. Erst als das Mädchen dann davon sprach, dass der Mann ihr Freund sei, habe man Verdacht geschöpft. Der Mitarbeiter, der die Vorwürfe stets bestritten habe, sei daraufhin sofort entlassen worden. 

Bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe sei man mit dessen Arbeit sehr zufrieden gewesen. „Er war freundlich, immer fröhlich und sehr zuverlässig.“ Die Kinder hätten ihn durchweg gern gehabt. Man bedaure zutiefst, die Übergriffe nicht verhindert zu haben, sagt Malorny. „So etwas soll nie wieder vorkommen.“ Deshalb habe der Verein nach den Vorfällen in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ein neues Schutzkonzept entwickelt.

Von Thomas Stier

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.