Das Wasserfest wurde erstmals 1926 gefeiert - der Zissel fiel nur in Kriegs- und Nachkriegsjahren aus

Nun also doch: Zissel fällt nicht aus - ein Blick in die Geschichte

Erster Zissel nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Casseler Schwimmverein gestaltete für den Umzug einen Motivwagen mit einem Nixen-Ballett. Archivfoto:  nh

Kassel. Es hat schon etwas Geheimnisvolles. Wo der Zissel seine echten Ursprünge hat, scheint nicht mehr feststellbar zu sein. „Der Ursprung des Kasseler Zissels liegt im Dunkeln“, schrieb 1979 der Journalist und Lokalhistoriker Wolfgang Hermsdorff.

Ließen sich das Wahrzeichen schmecken: Zwei Herren beim ersten Nachkriegszissel im Jahr 1949. Archivfoto:  nh

Und Heimatdichter Paul Heidelbach räumte in einem Aufsatz über das Kasseler Wasserfest mit falschen Annahmen auf. So entbehre es jeder Grundlage, dass die Gilde der Kasseler Fischer bereits vor 600 Jahren im Sommer ihren Zissel gefeiert hätte, schreibt Heidelbach in „Alles über den Zissel“. Völlig indiskutabel sei auch der Ansatz, das Wort Zissel zu der slawischen Mondgöttin Ziselbog in Verbindung zu bringen. Heidelbach berief sich indes auf Aufzeichnungen des am Kasseler Altmarkt wohnenden Kaufmanns Sattler.

Darin wurde berichtet, dass bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts auf einem flussaufwärts gezogenen Sandkahn mit Familie und Gästen Vergnügungsfahrten auf der Fulda unternommen wurden. Eine Federzeichnung des Kasseler Malers Ludwig Emil Grimm aus dem Jahr 1815 zeige solch eine Fahrt.

Impressionen vom Zissel 2011

Impressionen vom Zissel 2011 - Teil 2

Mit der Zeit seien diese Wasserfahrten aber in Vergessenheit geraten, schrieb Heidelbach, bis um 1911 die am Fuldadamm gelegenen Badeanstalten und Schwimmvereine ihre mit abendlicher Illumination und Beleuchtung der Kähne verbundenen Vereinsfeste begingen. Zunehmend habe auch die Bevölkerung mitgefeiert. Am 8. August 1926 wurde dann der Zissel erstmals an der Fulda unter Mitwirkung des Verkehrsamtes gefeiert. Der Name „Zissel“ stammt Überlieferungen zufolge von Zusseln, dem Geldausgeben.

Nazis nutzten Fest

Andrang auf der Rathaustreppe: Der Zissel im Jahr 1949.

Die Nationalsozialisten nutzten das Fest für ihre Zwecke: Sie stempelten den Zissel zum Heimatfest der gesamten Stadt, zum „Lichtfest der Hunderttausend“ und rückten dabei auch die Altstadt in den Mittelpunkt. Das Fest wurde auf dem Marställer Platz eröffnet. In der Festschrift aus dem Jahr 1939 hieß es: „Dem Überlieferten, Alten entstammt der Kasseler Zissel. Neugeboren aber ist er erst im nationalsozialistischen Deutschland.“ Es sollte der letzte Zissel für die kommenden zehn Jahre sein.

Fotos: Aufnahmen der Kasseler Fotografenfamilie Eberth

Aufnahmen der Kasseler Fotografenfamilie Eberth

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Im zerstörten Kassel wurde erstmals wieder 1949 Zissel gefeiert. „Wann vom 6. bis 8. August d’r ahle frohe Schlachtruf widder dorch de Kasseler Stroßen erdehnt, dann äs hä doh, der liewe, ahle Zissel, uff den me de langen Johre hindurch gewartet honn“, hieß es in der Festschrift. Danach fand der Zissel an unterschiedlichen Orten statt: In der Innenstadt, auf dem Messeplatz und an der Fulda.

Zurück zur Fulda

Hansi Meister, früherer Präsident der Zisselgilde, holte das Fest im Jahr 2000 schließlich komplett an die Fulda zurück. Nancy Hirschfeld, Präsidentin des im Jahr 2007 neu gegründeten Vereins „Zissel in Kassel“, hält an diesem Konzept fest. Für sie ist es ausgeschlossen, dass das Volksfest wieder auf der Schwanenwiese gefeiert wird.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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