Behinderte körperlich und emotional missbraucht: Zivi muss drei Jahre in Haft

Drei Jahre Haft: Das Landgericht verurteilte gestern den 25-Jährigen, den der Staatsanwalt als Wolf im Schafspelz bezeichnete.  Zeichnung: Reinckens/nh

Kassel. Als „Wolf im Schafspelz“ bezeichnete Staatsanwalt Frank Lohr in seinem Plädoyer den 25-jährigen Angeklagten, der während des Prozesses teilweise eingeräumt hatte, als Zivildienstleistender behinderte Jugendliche missbraucht zu haben. Lohr nannte die Taten „widerwärtig“.

Er forderte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren sowie ein Berufsverbot. „Der Angeklagte darf sein Leben lang nicht mehr mit Behinderten arbeiten.“ Freilich übte der Staatsanwalt auch Selbstkritik. „Die Justiz muss sich den Schuh anziehen, dass dieses Verfahren so lange gedauert hat.“ Die Taten waren 2006 und 2007 passiert, schon im April 2007 war die Anzeige erfolgt, inzwischen sind fast vier Jahre vergangen. Vor diesem Hintergrund räumte Lohr ein, dass dem Angeklagten ein Jahr der geforderten Strafe erlassen werden müsse.

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Der 25-Jährige hatte zuvor gestanden, dass er in seiner Zeit als Zivildienstleistender in einem von der Diakonie betriebenen Wohnheim für geistig und körperlich behinderte Menschen im Kreis Kassel drei Bewohner missbraucht hat. Bei Ausflügen oder im Ruheraum hatte er sich an ihnen vergriffen, auch dann noch, als er nicht mehr in der Einrichtung tätig, sondern als Besucher zurückgekehrt war.

Er gab jedoch - im Gegensatz zu den Betroffenen - an, das Ganze sei weitgehend einvernehmlich passiert. Wie diverse Zeugen hatte er seine Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht. In seinen letzten Worten vor dem Urteil sagte er: „Mir ist erst im Nachhinein klar geworden, was ich den dreien angetan habe, es tut mir total leid.“ Er habe sich bisher nicht bei ihnen entschuldigt, „weil ich weiß, wie sehr sie leiden“.

Die Anwältinnen der drei Betroffenen, die als Nebenkläger auftraten - zwei junge Männer und eine junge Frau - verwiesen auf die beträchtlichen Schäden, die die Taten bei ihren Mandanten hinterlassen haben. Sie seien „nicht nur körperlich, sondern auch emotional missbraucht worden“, sagte Gudrun Meyer, die einen der beiden jungen Männer vertrat. Susanne Bienemann berichtete, dass ihr Mandant so schwer traumatisiert wurde, dass er aus Angst eine Zeit lang ein Messer bei sich trug. Die betroffene junge Frau kämpfe bis heute mit Panikschüben, sagte ihre Anwältin Andrea Eggert.

Die Verteidigung forderte eine Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Das wäre aus Sicht des Vorsitzenden Richters jedoch „erzieherisch das völlig falsche Signal“ gewesen. Dem Angeklagten sei während der Verhandlung „das Unrecht seiner Taten nicht bewusst geworden“, und in seinem Geständnis habe er „die Dinge schöngeredet“, indem er unter anderen angab, zu sexuellen Handlungen überredet worden zu sein.

Das Landgericht verurteilte ihn deshalb wegen sexuellen Missbrauchs von Hilfsbedürftigen und Vergewaltigung - weil er bei vier der fünf Taten jünger als 21 war - zu einer Jugendstrafe von drei Jahren. Davon werden ihm wegen der langen Verfahrensdauer zwei Monate erlassen. Ein Berufsverbot sieht Jugendrecht nicht vor.

Von Ralf Pasch

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