Zivilcourage oder zuviel Rage? -Anonymer Brief des Radfahrers an die HNA

Kassel. Die Polizei suchte per Pressemitteilung einen Radfahrer, der einen Fußgänger die Nase blutig geschlagen haben soll. Der Radfahrer meldete sich nun bei der HNA. Hier der Leserbrief im Wortlaut.

Wenn ein Täter sich zum Opfer stilisiert und unter dem Deckmantel von Zivilcourage seinen Zorn und seine Unbeherrschtheit verbergen möchte, schadet das echter Zivilcourage mehr, als es nützt.Sie suchen in Ihrer aktuellen Kasseler Ausgabe einen Täter, der einen unbescholtenen Bürger ohne Grund ins Gesicht geschlagen haben soll: Der Gesuchte bin ich.

Aufgrund der unglücklichen Zeugenlage habe ich mich gestern entschlossen die Flucht zu ergreifen, die heute gelesene Darstellung kann ich so jedoch in Ihrer Unrichtigkeit nicht akzeptieren und ich bitte Sie im Sinne von Gerechtigkeit und Ehrlichkeit um Ihre Mithilfe bei der Aufklärung.

Sollten sich Zeugen finden, die den ganzen Vorgang beobachten konnten, bitte ich diese inständig um Wortmeldung. Menschen waren genug anwesend, nur fuhren diese mit der Bahn in Richtung Stadt, als die zwei von Ihnen genannten Zeugen, übrigens sehr couragiert und aus meiner Sicht richtig und mutig eingriffen. Nur leider fanden Sie durch ihr späteres Ankommen an der Ampel eine Situation vor, die mich eher in die Täterrolle rückt, da ich versuchte, mich vom Klammergriff des Angreifers zu lösen und nach erfolglosem Ringen verzweifelt auf Ihn einschlug.

Ich habe gestern mit meinem Rad am Kirchweg von der Straßenbahnhaltestelle aus in Richtung Wittrockstraße/ Kirchweg den Fußgängerüberweg mit meinem Rad überquert, nicht bei grün, soweit ist die Schilderung des couragierten Herrn richtig. Daraufhin wies er mich zornig zurecht, ich sei ein schlechtes Beispiel und so was könne er gar nicht leiden.

Ich ließ mich daraufhin leider mit Ihm auf eine Diskussion ein, im Rahmen derer er immer lauter wurde und mir schließlich offen Schläge androhte. Ich bat Ihn ruhig zu bleiben, versicherte Ihm jedoch auch deutlich, dass er gut daran täte nicht handgreiflich zu werden. Er zog daraufhin einen rot-silbern glänzenden Gegenstand aus der Tasche und barg Ihn in einer Hand, nahm eine Kampfposition ein und forderte mich noch mehrmals zum Kampf auf.

Ich hielt den Gegenstand aus dem Augenwinkel für ein Messer und die Flucht für das Mittel meiner Wahl. Ich bestieg mein Rad um in Richtung Kirchweg/Stadt die Wittrockstraße zu queren und der Situation so aus dem Wege zu gehen. Über die Schulter rief ich dem zu dem Zeitpunkt schon sehr aggressiven Mann zu, er solle sich bitte um einen Therapieplatz bemühen und andere Menschen in Ruhe lassen und trat die Flucht an. Das war mein Fehler denn es brachte den Mann so in Rage, dass er hinter mir herlief und mich mitten auf dem Überweg von hinten mit diesem Gegenstand schlug und durch die Wucht seines Körpers mitsamt meines Rades unter sich zu Fall brachte. Ich versuchte mich aus seiner Umklammerung zu befreien, rang mit ihm und verpasste Ihm einige Schläge in die Rippen, damit er losließe. Dies tat er jedoch nicht, er versuchte mit dem genannten Gegenstand zu hantieren und ich bekam es mit der Angst zu tun, da man immer häufiger von Messerangriffen hört und liest. Ich schlug nun verzweifelt auf sein Gesicht und seine Arme ein, konnte aufstehen und trat nochmals mit dem freien Bein auf seine Arme, um das immer noch von ihm gehaltene linke Bein zu befreien, welches er schmerzhaft mit seinem Oberkörper hebelte um mich erneut zu Fall zu bringen. Ich befürchtete immer noch, dass er mich schneiden oder stechen würde, zudem spielte sich das alles mehr auf der Straße als auf der Verkehrsinsel ab, wodurch ich mich zusätzlich gefährdet sah. Plötzlich wurde ich von hinten gepackt und von einem Mann weggerissen, ein anderer ging auf Ihn zu.

Der Zeuge der mich wegriss, handelte als einziger in diesem Zusammenhang mutig und couragiert und aus seiner Sicht auch völlig richtig. Ich teilte ihm sofort mit, der andere habe angefangen und dass er ein Messer habe, da ließ er mich auch schon los. Ich hob meine abgerissene Uhr auf und sah nun auch den Gegenstand, den er in der Hand hielt: Er hatte einen großen Abseilkarabiner aus Aluminium um seine Faust als Schlagring benutzt. Das war auch der Gegenstand, der mich hart im Nacken traf, als er mich von hinten anging.

Nun sah ich mich mit einer misslichen Lage konfrontiert: Die zwei soeben hinzugekommenen Zeugen mussten mich klar für den Täter halten, dies hatten sie mit Ihrem Handeln bewiesen. Die Zeugen, die den Vorfall schon vorher beobachtet hatten, stiegen in die Straßenbahn Richtung Innenstadt. Ich nutzte in meiner Verzweiflung also einen unbeobachteten Moment zur Flucht Richtung Stadt und schütze mich nun zunächst durch meine Anonymität vor ungerechtfertigten Anklagen.

Meine Bitte: Helfen Sie bitte den Fall aufzuklären, um nicht einen Täter zum couragierten Opfer zu machen und ihn so noch in seinem gefährlichen Handeln zu bestärken!

Ich habe mich lediglich gewehrt und bin dabei trotz der Schwere des Angriffs eher zögerlich vorgegangen, ein bewaffneter Angriff von rücklings ist feige, hinterlistig und zeigt den wahren Beweggrund des Täters. Wer sich mit einem solchen Verhalten noch zum Helfer der Straßenverkehrsordnung lügt, gehört bestraft, nicht belohnt.

Helfen Sie mir bitte in Ihrer Funktion als Regionalzeitung Zeugen für diesen Vorfall zu finden, die von Anfang an dabei waren und den Vorgang gesehen haben.

Mit Ihrem Artikel beschreiben Sie den Vorgang derzeit in einer Richtung, der mögliche Zeugen von einer andersartigen Aussage abhalten könnte. Denn was in der Zeitung steht, ist ja bekanntlich wahr. Vielleicht haben Sie ja ein Interesse, dass dies auch so bleibt.

Mit freundlichen Grüßen

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